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LSBTIQ* im öffentlichen Dienst

Amtlich queer

Niemand darf aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität benachteiligt werden, heißt es im § 1 Allgemeines Gleichstellungsgesetz (AGG). Gleichwohl erleiden queere Menschen in Deutschland tagtäglich noch immer Diskriminierung und Hassattacken verbaler und physischer Art. Dem Staat kommt bei der Bekämpfung von Homo- und Transphobie eine wichtige Rolle zu.

Von Britta Ibald

Out im Office? Aus Angst vor Anfeindungen oder davor, im Job gemobbt zu werden, verheimlichen viele Homosexuelle und Transgender-Menschen noch immer ihre sexuelle Orientierung und/oder geschlechtliche Identität. Zwar gilt der öffentliche Dienst in der Queer-Community als verhältnismäßig vielfaltsoffen, doch das erforderliche Maß an Akzeptanz und Respekt in Sachen Diversity wurde auch dort noch lange nicht erreicht, wissen Queer-Profis wie Diana Gläßer. Die Polizeihauptkommissarin aus Mainz ist Bundesvorsitzende von VelsPol Deutschland. 2005 als „Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter in Deutschland“ gegründet, setzt sich das Mitarbeiter*innennetzwerk mittlerweile behördenübergreifend für die Belange von LSBTIQ*-Menschen bei Polizei, Justiz und Zoll ein und bringt zudem queeres Fachwissen und Kompetenz in die Dienstausübung ein – denn auch im Umgang der Behörden mit LSBTIQ*-Menschen gibt es Optimierungspotenzial.

Verkehrskontrolle, zwei Polizeibeamt*innen lassen sich Führerschein und Fahrzeugpapiere aushändigen. Beim Blick in die Dokumente stutzen die beiden: Dem Namen nach müsste da eigentlich ein Mann am Steuer sitzen, es ist aber augenscheinlich eine Frau. Der Person ist die Situation sichtlich unangenehm. Auch die Beamt*innen wissen nicht so recht damit umzugehen und blicken abwechselnd in den Ausweis und Richtung Fahrzeugführerin. „Okeeeeh, alles klar“, bringt der eine schließlich hervor und reicht die Papiere am Ende der Kontrolle grinsend zurück durchs Fenster. So richtig happy ist keiner der Beteiligten mit dem Verlauf dieser Kontrolle…

LSBTIQ*

Für die verschiedenen sexuellen Orientierungen wird neben „queer“ oftmals eine Art Ober-Begriff verwendet, bestehend aus den Anfangsbuchstaben verschiedener Orientierungen. So ist „LSBTIQ*“ ist eine Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuelll/transgender, intersexuell und queer – das *Sternchen am Ende steht für weitere mögliche Orientierungen wie beispielsweise asexuell.

„Ein Klassiker“, kommentiert Diana Gläßer diese fiktive Situation. „Aufgrund der rechtlichen Vorgaben im Transsexuellengesetz, kann ein Mensch bisher seinen Namen und seinen Personenstand nicht einfach ändern, und dann kommt es vor, dass im Ausweis ein Vorname steht, der nicht zum äußerlich sichtbaren Geschlecht passt. Oftmals behelfen sich trans* Personen mit einem Ergänzungsausweis, der u.a. den angestrebten Vornamen und eine Geschlechtsangabe, sowie gewünschte Pronomen enthält. Vielen in der Polizei ist dieser Ausweis aber nicht bekannt, und man sollte sich insbesondere als Vertreter einer Behörde hüten, Personen deswegen ein schlechtes Gefühl zu vermitteln oder gar eine Urkundenfälschung dahinter zu vermuten.“ Diana Gläßer ist Polizeihauptkommissarin bei der rheinland-pfälzischen Polizei und Dienstgruppenleiterin in der Polizeiinspektion Mainz II. Im Nebenamt besetzt sie die Ansprechstelle für lesbische, schwule, bisexuelle, transidente und intergeschlechtliche Menschen (AS LSBTI*) der Landespolizei. Die ist im besonderen Ansprechstelle für Menschen, die aufgrund ihrer tatsächlichen, unterstellten oder erwarteten Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung Opfer von Straftaten wurden, sowie für Initiativen und Organisationen, die sich der Aufklärung und Prävention widmen. Auch Polizeibediensteten bietet die Ansprechstelle bei Diskriminierung, Krisen, Konflikten, Mobbing und anderen dienstlichen Problemen im Zusammenhang Geschlechtsidentität oder der sexuellen Orientierung vertrauensvolle Unterstützung an und berät die Organisationseinheiten beim sachgerechten Umgang mit LSBTIQ* im Rahmen der polizeilichen Aufgaben. Seit Ende 2021 ist Gläßer zudem Bundesvorsitzende des Mitarbeiter*innennetzwerks VelsPol. 2005 als „Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter in Deutschland“ gegründet, setzt sich das Mitarbeiter*innenetzwerk mittlerweile behördenübergreifend für die Belange von LSBTIQ*-Menschen bei Polizei, Justiz und Zoll ein und bringt zudem queeres Fachwissen und Kompetenz in die Dienstausübung ein – denn auch im Umgang der Behörden mit LGBTQ*-Menschen gibt es Optimierungspotenzial – siehe Beispiel Verkehrskontrolle.

Der öffentliche Dienst ist mit Blick auf Glaubwürdigkeit und auch Nachwuchsgewinnung gut beraten, queergerechter zu werden und zu handeln, sagt Diana Gläßer, VelsPol Deutschland Bundesvorsitzende.

Alltagssexismus und Homo-Feindlichkeit

Ein Kindheitstraum war es nicht, der Diana Gläßer in den Polizeidienst führte, erzählt sie freimütig. Der Wunsch zur Polizei zu gehen, hat sich erst im Jugendalter entwickelt. Die Kombination aus Arbeit für den Rechtsstaat, die Umsetzung von Gesetzen, die für alle Sinn machen, und der täglichen Arbeit mit Menschen und unvorhersehbaren Ereignissen war es letztlich, die sie überzeugte. Schon ganz zu Beginn ihrer Laufbahn, vor fast 20 Jahren, stellte sie fest, dass die Polizei als Organisation sehr homogen und männlich geprägt ist, und Alltagssexismus und Homo-Feindlichkeit relativ verbreitet sind. „Ich erinnere mich an ausgesprochen grenzwertige Gespräche mit Kolleg*innen über meine sexuelle Orientierung als lesbische Frau. Es schien für alle irgendwie ein total wichtiges Thema zu sein, wie und vor allem welches Geschlecht die Person hat, mit der ich zusammenlebe. Dabei geht das doch eigentlich erstmal niemanden was an, oder?“, sagt Gläßer. „Aber natürlich möchte man sich als Ganzes einbringen und redet dann auch am Arbeitsplatz über sein Privatleben und dazu gehört auch die Beziehung.“ Ihr sei klargeworden, dass homophobe Diskriminierung schon bei solchen Gesprächen anfange. „Und das ging und geht teilweise auch heute noch weiter, wenn zum Beispiel immer in meiner Anwesenheit Homosexualität zum Thema gemacht wird. Und zwar nicht auf einer sachlichen Ebene, auf der ich darüber sprechen würde. Einfach, weil Aufklärung auch mein Job ist. Da fühlen sich dann Kollegen berufen, unaufgefordert ihre Meinung über Homosexualität kundzutun. Da sind dann durchaus homophobe Einstellungen dabei. Da wir aber in einem dienstlichen Rechts- und Treueverhältnis stehen, sind die Grenzen da schnell erreicht.“ Wenn justiziable Äußerungen fallen, kann man auch dienstrechtlich dagegen vorgehen. In einem Fall sah sich dann halt auch schon mal ein Dienststellenleiter in einem Disziplinarverfahren mit seinen homophoben Äußerungen konfrontiert.
„Ich habe anfangs in der Polizei nicht verstanden, warum es eine Interessensvertretung wie VelsPol überhaupt braucht“, erinnert sich Diana Gläßer. „Aber je mehr ich mich mit dem Thema Queerness in der Polizei auseinandergesetzt habe, desto klarer wurde mir, wie wichtig diese Arbeit ist. Solange wir in unseren Behörden diese anhaltenden Diskriminierungen und Vorurteile mit Blick auf sexuelle Orientierung und Identität nicht überwinden, ist unsere Arbeit noch nicht getan.“ Freilich: So Einiges hat sich schon verbessert, freut sich Gläßer. „Ich merke, dass die Menschen in meinem beruflichen Umfeld sensibler in Fragestellungen und Aussagen geworden sind. Sowas wie ‚Du bist doch der Mann in der Beziehung‘ höre ich zumindest seltener.“

Staat muss diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld schaffen

Insbesondere der Staat muss ein diskriminierungsfreies Arbeitsumfeld schaffen, fordert die VelsPol-Chefin: „Nur, wenn sich Mitarbeitende mit ihrer gesamten Persönlichkeit einbringen können, dürfen Dienstherr und Arbeitgeber auch die dienstrechtliche ‚Pflicht zum vollen persönlichen Einsatz‘ und gute Arbeitsergebnisse erwarten. Und gleichzeitig werde ich nur so der vielfältigen Gesellschaft gerecht, in deren Dienst ich als Staat stehe“, macht Gläßer deutlich. Daher sei der öffentliche Dienst mit Blick auf Glaubwürdigkeit und auch Nachwuchsgewinnung gut beraten, queergerechter zu werden und zu handeln.

Out im Office?!
Noch immer Furcht vor Karriereknick

Laut der aktuellen „Out @work“-Studie der Boston Consulting Group von Januar 2019 fällt es einem Großteil der LSBTIQ*-Beschäftigten in Deutschland weiterhin schwer, sich im Job zu outen. Auch wenn in Deutschland rund 85 Prozent der LSBTIQ*-Talente angeben, ihre sexuelle Orientierung im Office mitteilen zu wollen, haben das der Studie zufolge nur 37 Prozent von ihnen bislang auch getan. Im internationalen Vergleich mit 19 weiteren berücksichtigten Ländern bildet Deutschland mit dieser Quote das Schlusslicht. Die Ergebnisse der Studie decken sich mit den Wahrnehmungen, die auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) bei dem Thema habe, sagte dessen Sprecher René Mertens anlässlich der Veröffentlichung. „Für viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und vor allem auch transgeschlechtliche Menschen ist es immer noch schwierig, sich im Job zu outen, weil sie Diskriminierung und den Karriereknick befürchten müssen.“ Gerade in der Gruppe der Berufsanfänger*innen sei diese Angst ausgeprägt.

Strukturen, Haltung, Fachwissen

„Strukturen schaffen, klare Haltung vertreten und Fachwissen vermitteln“, lautet Diana Gläßers Empfehlung auf dem Weg zu einem queer-diskriminierungsfreien Staatsdienst. In all diesen Handlungsfeldern bringt sich ihr Verband aktiv ein, insbesondere bei den Sicherheitsbehörden. Bedauerlich sei es aktuell etwa mit Blick auf die Strukturen, dass es bei den Landespolizeien von Bayern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen bislang noch immer keine offiziellen LSBTQ*-Ansprechstellen gebe. „Sowas gehört aus Gründen der Sichtbarkeit und Positionierung heutzutage einfach zur Grundausstattung“, findet Gläßer. Denn mit dem Antidiskriminierungsgesetz und dem politisch erklärten Willen, konzertiert gegen jegliche Art von Hasskriminalität, also auch Homo- und Transphobie, vorzugehen, gebe es schließlich eine rechtlich unmissverständliche Maßgabe. „Das gilt sowohl für die Behörden des Staats gegenüber ihren Beschäftigten als auch für die Bediensteten des Staats gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern. Respekt für queere Menschen ist Staatsaufgabe, denn auch die Würde von queeren Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Aufgabe aller staatlichen Gewalt.“
Neben handfester Unterstützung für Kolleginnen und Kollegen auch in Klageverfahren gegen Dienstherrn und Arbeitgeber widmet sich VelsPol vor allem auch der Vermittlung von queerem Fachwissen. „Wir haben auf diesem Gebiet nicht nur wichtige Kontakte und Netzwerke, sondern vor allem auch Expertise und wollen diese den Dienstherrn und Arbeitgebern gerne zur Verfügung stellen. Wenn Velspol zum Beispiel früher auf den einen oder anderen Rechtsstreit etwa im Zusammenhang mit Transthematik draufgesehen hätte, hätte sich der Dienstherr jeweils eine Menge Gerichtskosten sparen können“, gibt Diana Gläßer zu bedenken. Auch mit seinen Landes- und dem jährlichen Bundesseminar bietet VelsPol regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für Polizistinnen und Polizisten, hält Vorträge an Polizeischulen und erarbeitet auch zunehmend interne Handreichungen zum Umgang mit queeren Menschen und Hasskriminalität gegen Queere in der täglichen Polizeiarbeit. Die im Zuge der Corona-Pandemie etablierten digitalen Seminare, die sie als AS LSBTI* in der rheinland-pfälzischen Polizei zu queerem Basiswissen durchgeführt hat, sind regelmäßig ausgebucht, freut sich Diana Gläßer, „allerdings sind die rein fakultativ. Besser wäre es, wenn wir die Grundzüge queersensibler Polizeiarbeit als verpflichtende Aus- und Weiterbildungsinhalte festschreiben würden. Aber das kommt ja vielleicht bald“, hofft sie. Ebenso wie ihre Mitstreitenden ist sich die Polizeihauptkommissarin bewusst, dass die Erfolge für Vielfalt in kleinen Schritten daherkommen, insbesondere in den Sicherheitsbehörden. „Aber wir feiern jede Errungenschaft“, betont Diana Gläßer. So sei es vielleicht nur ein symbolischer Akt gewesen, dass Bundesinnenministerin im April die Flaggenverordnung geändert und damit erlaubt hat, dass die Regenbogenflagge nun auch vor Bundesgebäuden zu besonderen Anlässen aufgezogen werden darf. „Aber da geht mein Herz auf“, sagt die Beamtin. „Denn hinter diesem Symbol steht eine ganze Bewegung. Und die ist unaufhaltsam.“

Doku-Tipp: „Schwul in Uniform“

Polizei und Bundeswehr in Deutschland gelten nach wie vor als Männerdomänen. Seit einigen Jahren schon versuchen beide Institutionen jedoch, ihr altes und, ja, auch homophobes Image hinter sich zu lassen. Ist ihnen das gelungen? Dieser Frage geht eine aktuelle Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) nach. Die Autoren haben homosexuelle Menschen in Polizei und Bundeswehr interviewt, bei den Behörden nachgefragt und mit queeren Menschen über ihr Misstrauen gegenüber der Polizei gesprochen. Die Doku kann noch bis 12. Januar 2023 über die MDR-Mediathek gestreamt werden.

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