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Schulleiter Johannes Habekost gewinnt der digitalen und der analogen Welt Positives ab.

Digitale Schule

Die Fläche des Maschsees

Von Jörg Meyer und Jan Brenner (Fotos)

Die Digitalisierung an Schulen schreitet voran, wenn auch nicht im überall gleichen Tempo. Die Vorzüge des Analogen, aber auch, dass Latein gut digital geht, zeigen sich an einem Schultag im Gymnasium Ernestinum in Celle.

Die Schülerinnen und Schüler müssen teilweise mit ihren Tablets auf den Flur gehen, damit sich die Geräte wieder im Netz anmelden“, erzählt Schulleiter Johannes Habekost. Das liegt an den nicht tragenden Trennwänden aus Blechelementen, die es erschweren, eine durchgängige Netzstabilität im gesamten Gebäude zu erreichen. WLAN in allen Räumen gibt es noch nicht. Und dennoch: „In jedem Klassenzimmer ist irgendetwas möglich“, sagt der Leiter des Gymnasiums Ernestinum in Celle; sei es mit Tablets, einem sogenannten Smartboard oder einem Medienwagen mit Computer und Beamer.
„Das Gebäude zeichnet sich besonders durch die weiten Laufwege aus“, sagt Lehrer Hans-Ulrich Wessel, der uns durch den Tag begleitet. Die Schule wurde 1978 bezogen und sieht aus wie viele in westdeutschen Städten aus dieser Zeit. Gemäßigter Brutalismus heißt dieser Stil. Sichtbar sind Betonsäulen und farbige Fensterelemente, die Teil der Fassade sind. Tragende Wände im Innern gibt es nicht. Das Ergebnis ist eine große Weite der Gänge – und eine große Unübersichtlichkeit, wenn man das erste Mal das Gymnasium Ernestinum in Celle betritt.
Die Schule teilt sich das Gebäude mit der Integrierten Gesamtschule (IGS) Celle. Die baulichen Voraussetzungen sind damit dieselben, von denen auch das Ernestimun profitiert. Die IGS ist ein Leuchtturmprojekt, verfügt über Tablets in allen Klassen, die Eltern über ein Mietmodell finanzieren. Der Schulträger, der Landkreis Celle, hatte bei den Digitalisierungsvorhaben eine Priorität auf Gebäude gelegt, die ohnehin saniert oder neu gebaut wurden, und da waren andere Gymnasien und Oberschulen mit Neubauten zuerst am Zuge. Schulleiter Habekost wünscht sich eine zeitgemäße Ausstattung seiner Schule, steht aber auch manchen Auswirkungen der Digitalisierung kritisch gegenüber. „Wenn die Politik meint, alles wird gut, wenn man nur in alle Schulen ausreichend Endgeräte wirft, ist das ein Irrglaube“, sagt er. „Wie lernen die Kinder Lesen und Schreiben? Was könnt ihr noch, wenn der Strom ausfällt?“, möchte Habekost manche SchülerInnen fragen.
Habekost ist von Hause aus Lehrer für Latein, evangelischen Religionsunterricht und Geschichte. Seit neun Jahren leitet er das im Jahr 1328 als Lateinschule gegründete Gymnasium mit altsprachlichem Zweig. Auf die Frage, wie seine stellenweise digitalisierungskritische Sicht mit seiner Kritik an Mängeln der digitalen Ausstattung zusammenpasse, sagt er: „Es geht immer darum, dass wir uns fragen, wie wir die begrenzte Ressource Unterrichtszeit möglichst effektiv nutzen. Wenn ich nur ein Wort anschreiben will, ist die Tafel das richtige Instrument. Da muss ich nicht erst ein Betriebssystem hochfahren, das sich noch minutenlang aktualisieren muss.“ Wenn es aber darum gehe, beispielsweise im Lateinunterricht die verschachtelte Grammatik eines Satzes zu verdeutlichen, „ist es unglaublich hilfreich, wenn man die Satzteile auf dem Smartboard oder Tablet hin- und herschieben kann, um so die Struktur zu zeigen“.
Die grundsätzliche Frage nach „Digitalisierung ja oder nein“ sei im Übrigen unterkomplex, „weil das längst entschieden ist“, sagt Habekost. Die Vielfalt der Möglichkeiten sei „unglaublich bereichernd“, aber längst nicht alles, was ginge, geht auch. „Der Mix aus analog und digital funktioniert am besten“, ist sich Habekost sicher.

    Nachdem Mathelehrer Paul Bauer Tablets an die SchülerInnen der 7b ausgeteilt hat, steht er der Klasse auch mit analogen Rechentipps zur Seite.

Erste Stunde: Mathe digital und analog

Wie das konkret aussehen kann, erfahren wir in der ersten Stunde: Die 7b hat Mathe bei Paul Bauer. 17 SchülerInnen sitzen mit Masken über Mund und Nase im Klassenraum. Beim schnellen Gang vom Lehrerzimmer hierher, vorbei an Sitzecken, Räumen, digitalen und papiernen Aushängetafeln, haben wir verstanden, was Wessel mit „lange Laufwege“ meinte. Im Klassenzimmer greift Paul Bauer in den oben offenen, kniehohen Rollcontainer, der neben seinem Tisch steht und aus dem an den Seiten einige Ladekabel hängen. Er teilt Tablets an die SchülerInnen aus.
Am Anfang der Stunde eine Aufwärmübung: Nachdem die SchülerInnen sich in der Software angemeldet haben, wirft der Beamer die Aufgaben und später die Lösungen an die Wand. Es geht um Kopfrechenaufgaben und einfache Flächenberechnungen. Im Multiple-Choice-Verfahren wählen die SchülerInnen ihre Antworten aus, an der Wand ist mit Ende jeder Aufgabe zu sehen, wer am schnellsten die richtige Lösung angetippt hat. Am Ende gewinnt der oder die mit den meisten Punkten. Die SchülerInnen sind hellwach, konzentriert, scherzen miteinander herum, kommunizieren. Dann kommt die Hauptaufgabe des Tages: Paul Bauer verteilt Ausdrucke mit dem Umriss des Maschsees, einem künstlich angelegten See im Zentrum der Landeshauptstadt -Hannover. Die SchülerInnen sollen mit Lineal, Geodreieck und Bleistift die Fläche des Sees ausrechnen. Bauer teilt die Klasse in mehrere Arbeitsgruppen. „Drückt bitte doll genug auf“, sagt Bauer. An der Wand soll man das auch lesen können.
Wir sind beeindruckt: Die Arbeitsgruppe, die direkt neben uns sitzt, wechselt spontan die Sprache, eine Schülerin kommt aus der Ukraine und lernt gerade Deutsch. In fließendem Englisch unterhalten sich die drei Siebtklässlerinnen und lösen die Aufgabe. Nachdem die vorgegebenen zehn Minuten abgelaufen sind, geht Bauer herum, fotografiert die Blätter der einzelnen Gruppen und wirft die Bilder mit den Lösungsvorschlägen über den Beamer an die Wand. Möglich sind mehrere Lösungen: Eine Gruppe hat die Fläche in lange Streifen geschnitten und diese einzeln berechnet, andere haben den See in drei große und mehrere kleine Rechtecke zerlegt. „Wer möchte nach vorne kommen und seine Lösung erklären?“, fragt der Lehrer, mehrere Hände gehen nach oben.
Die Lösung der Aufgabe ist analoges Handwerk, das die SchülerInnen mit Geodreieck und Bleistift seit Generationen nicht anders lernen. Die Ergebnisse werden an die Wand projiziert, kollektiv diskutiert und sind für alle transparent. Diese Art der Auswertung mit digitalen Hilfsmitteln scheint kommunikativer und lehrreicher, als wenn der Lehrer einfach einsammelt, korrigiert und die Aufgabe zurückgibt.

Kleine Pause im Lehrerzimmer

Holger Barlage ist Herr über den derzeit sehr umfangreichen Vertretungsplan.

Das Büro des Schulleiters, Verwaltungsbüros und das Lehrerzimmer liegen hintereinander an einem Flur. Als wir an dessen Ende durch die Tür gehen, ist nicht sofort ersichtlich, was sich dahinter für ein großer Raum verbirgt. Ein knappes Dutzend große Gruppentische stehen darin, Wände mit abschließbaren Spinden und den Postfächern der Kollegiumsmitglieder, Ablagen mit Obst, Getränken, Menschen gehen ein und aus, greifen sich etwas aus ihrer Tasche oder ihrem Fach, setzen sich kurz hin. Der Raum ist so groß und der Schall so gedämpft, dass man sich hinsetzen und alleine sein kann, auch wenn noch ein Dutzend KollegInnen im Raum sind.
Viel ist heute nicht los. 40 Prozent der rund 75 KollegInnen seien entweder krank oder aus anderen Gründen nicht anwesend, erzählt Holger Barlage, Mathe- und Physiklehrer und zuständig für die Erstellung des Vertretungsplans, der im Lehrerzimmer und an mehreren Stellen im Ernestinum an den digitalen Aushängen einzusehen ist. Eine gute halbe Stunde habe er in normalen Zeiten für den Vertretungsplan gebraucht, sagt Barlage, „derzeit sind es auch mal vier Stunden“. Die permanente Zusatzbelastung durch die Coronapandemie macht sich bemerkbar.
Barlage sagt, dass die Digitalisierung der Vertretungspläne seine Arbeit durchaus erleichtere, aber nennt einige Entwicklungen auch eine „datenschutzrechtliche Falle“. Beispielsweise steht in den Plänen, die nicht öffentlich aushängen, sondern im Intranet der Schule zugänglich sind, der ungefähre Grund für den Ausfall, also „Urlaub“, „Krankheit“, „Fortbildung“. Es könnte also nachvollziehbar sein, wie oft ein Kollege oder eine Kollegin krank ist. Auf den digitalen Aushängen in der Schule und auch auf der Schulhomepage, die Hans-Ulrich Wessel zusammen mit SchülerInnen vor einigen Jahren neu gestaltet hat und die er verwaltet, steht nur: „Die Klasse 7b wird vertreten.“
Ein zentrales Element in der Digitalisierung des Ernestinums ist die Software „IServ“, eine Schulplattform, die nach Unternehmensangaben an über 5.200 Schulen in Deutschland läuft und von fast 2,9 Millionen SchülerInnen, Admins, Lehrkräften, Schulträgern und Eltern genutzt wird. IServ wurde im Jahr 2000 von einem SchülerInnenprojekt in Niedersachsen entwickelt und ist heute einer der bundesweit größten Anbieter von Schulservern. IServ, Itslearning, Moodle, Google, Apple oder Microsoft: Es gibt zahlreiche Anbieter von Lernmanagementsystemen (LMS) und Schulserversystemen, kommerzielle wie freie. Auf die Plattformen haben alle Zugriff, die mit einer Schule zu tun haben, -Unterrichtsmaterialien können hier hochgeladen, Tests online geschrieben und ausgewertet, Vertretungspläne und die Unterrichtsplanung erstellt werden. Die Schulangehörigen haben hier zudem eine E-Mail-Adresse.

DigitalPakt Schule

Mit dem DigitalPakt Schule wollen Bund und Länder der fortschreitenden Digitalisierung Rechnung tragen und die notwendigen Voraussetzungen für die Bildung in der digitalen Welt schaffen. Für den Förderzeitraum von 2019 bis 2024 stehen im Rahmen des Basis-DigitalPakts fünf Milliarden Euro zur Verfügung, die gemäß des Königsteiner Schlüssels an die Länder verteilt werden. Gefördert werden können unter anderem der Ausbau des Schul-WLAN, der Aufbau von Lernplattformen, interaktive Anzeigetafeln oder digitale Arbeitsgeräte.
Um den Unterricht während der pandemiebedingten Schulschließungen aufrechterhalten zu können, wurde der DigitalPakt Schule 2020 um drei Zusatzvereinbarungen à 500 Millionen Euro erweitert. Mit diesen Mitteln sollten mobile Endgeräte für die Schülerinnen und Schüler, die IT-Adminis-tration an Schulen und digitale Leihgeräte für Lehrkräfte finanziert werden.
Zum Stichtag 31. Dezember 2021 flossen aus dem Basis-DigitalPakt 423 Millionen Euro von den zur Verfügung stehenden fünf Milliarden Euro ab. Der Mittelabfluss zur Förderung mobiler Endgeräte für Schülerinnen und Schüler lag bei 495 Millionen Euro, für die Lehrkräfte lag er bei knapp 300 Millionen, bei der Finanzierung von IT-Administratoren waren es 11 Millionen Euro.

Vernetztes Lernen in der Cloud

Hans-Ulrich Wessel erläutert die digitale Schulplattform „IServ“.

Als durch die Nutzung immer mehr verschiedener Systeme im Unterricht der Support langsam zu unübersichtlich wurde, hat der Schulträger eine Bedarfsanalyse im Landkreis Celle erstellt. Aus den gemachten Erfahrungen und bestehenden Notwendigkeiten habe man sich dann für einen Hersteller entschieden. „Wir sind ja keine ComputerexpertInnen hier, sondern BeamtInnen mit einem gesetzlichen Lehrauftrag“, sagt Hans-Ulrich Wessel beim Rundgang durch die Schule. „Wir wollen einfach, dass die Endgeräte funktionieren.“ Die Aufgaben der Lehrkräfte hätten sich zudem stark verändert, sagt der Politiklehrer weiter. „Früher haben wir Wissen vermittelt, das die SchülerInnen sonst nur schwer bekommen konnten. Heute geht es viel mehr um Verknüpfung und Einordnung von Informationen, weil die praktisch alles, was sie wissen wollen, im Netz finden können.“
„Wenn es etwa um die Frage danach geht, zu überprüfen, was echt ist und was falsch, sehen wir Defizite in der Medienkompetenz“, sagt Kunstlehrerin Maria Lysenko. Das liege zum einen an der fehlenden Ausstattung, etwa für die Recherche, für die Film- und Bildbearbeitung. In ihrem Kunstunterricht mischen sich Analoges und Digitales, wenn es beispielsweise darum geht, Trickfilme zu zeichnen oder ein Fototagebuch von der Pandemiezeit zu erstellen. Lysenko nutzt mit ihren SchülerInnen bewusst Programme, bei denen man noch viel selber machen muss und nicht einfach durch die einzelnen Schritte einer App klickt. „Eine App bedienen können die meisten, das Wissen darum, wie man einen Ordner im Computer anlegt und darin eine Datei abspeichert, fehlt vielen“, weiß die Pädagogin. Lena Schrader unterrichtet seit zehn Jahren Mathe und Chemie. Seit zwei Jahren ist sie zudem in einer Weiterbildungsmaßnahme für Informatik in der Sekundarstufe I, das ab dem nächsten Schuljahr ein Pflichtfach im Land Niedersachsen ist. Derzeit bietet die 36-Jährige eine Informatik-AG am Ernestinum an. Um Grundlagen des Computers geht es aber auch hier nicht ausschließlich. Das sei eine beliebte, aber falsche Vorstellung, sagt sie. „Sie werden in Informatik unter anderem Programmieren lernen oder sich mit verschiedenen Verschlüsselungstechniken und Anwendungen auseinandersetzen. Fragen wie ,Wo speichere ich eine Datei?‘ oder ,Wie benutze ich eine Textverarbeitung?‘ kommen da nur am Rande vor.“ Es gibt aber bereits einen sechswöchigen Grundlagenkurs, aber auch das sei noch viel zu wenig.

„Eine App bedienen können die meisten, das Wissen darum, wie man einen Ordner im Computer anlegt und darin eine Datei abspeichert, fehlt vielen“, sagt Kunstlehrerin Maria Lyssenko.

Zusammen mit ihrem Kollegen Paul Bauer administriert sie die IServ-Plattform für die Schule. „Besonders in der Pandemie hat uns die Plattform sehr geholfen, weil wir Aufgaben und Lerninhalte einfach hochladen konnten und mit der Videofunktion auch die SchülerInnen im Homeschooling erreichen konnten.“ Einerseits wachsen die Kinder am Ernestinum mit IServ auf, erzählt Bauer. Sie erhalten ihr Konto, wenn sie auf die Schule kommen. Andererseits zeigen sich auch in dieser Anwendung die angesprochenen Defizite in der Erkennung von Ordnerstrukturen oder „beim Schreiben von E-Mails fehlen Standards wie die Begrüßungs- oder Schlussformel“. Die Schule bemühe sich um Grundlagen-schulung, aber der Bedarf sei riesig und nicht immer zu decken.
„Im Prinzip erreichen wir alle mit der Plattform“, sagt Bauer. „Wir erwarten eigentlich, dass die SchülerInnen mehrfach pro Woche reingucken, weil schon einige Mails geschrieben werden.“ SchülerInnen in Quarantäne schicke er überdies die Arbeitsblätter nach Hause. „Aber wir können uns nicht darauf verlassen, dass bei allen zu Hause das Internet funktioniert, dass die SchülerInnen einen Drucker haben oder überhaupt ein Endgerät zur Verfügung steht.“ Aus dem Grund laufen derzeit in einer Arbeitsgruppe aus Eltern, SchülerInnen und Lehrkräften Diskussionen darum, das Ernestinum zur sogenannten IPad-Schule auszubauen – ein geflügeltes Wort –, ohne dass über den Anbieter schon entschieden ist.
Jeder Schüler und jede Schülerin bekäme ein eigenes Tablet, wie bei anderen Lehr- und Lernmaterialien sind die Eltern an der Anschaffung finanziell beteiligt. Anlass der Debatte war die Anschaffung eines neuen modernen Taschenrechners für die SchülerInnen, der pro Stück zwischen 150 und 200 Euro kosten soll. „Da haben wir überlegt, ob wir gleich Tablets anschaffen, die zwar in der Anschaffung teurer sind, aber die gleichen Funktionen haben und darüber hinaus weitere Möglichkeiten bieten“, sagt Bauer. „Eine andere Möglichkeit wäre das Prinzip ‚Bring Your Own Device‘.“ Viele Apps laufen plattformübergreifend, sodass die SchülerInnen die auch mit ihren eigenen Handys oder Tablets im Unterricht nutzen könnten. Das stellt aber die Lehrkräfte potenziell vor einige Mehrarbeit, weil sie dann Fragen zu mehreren Betriebssystemen beantworten können müssen.

Digitalisierung: Erleichterung oder mehr Arbeit?

Lena Schrader und Paul Bauer administrieren die IServ-Plattform des Ernestinums.

In der Pandemie habe sich die Nutzung von IServ „massiv verbessert“, sagt Paul Bauer. Viele KollegInnen, die vorher vielleicht noch skeptisch waren, hätten ihn angesprochen. Besonders das Videokonferenzmodul und das Aufgabenmodul seien stark genutzt worden, Ersteres habe vor der Pandemie keine Rolle gespielt. Digitalisierung sei in erster Linie eine Chance, meint Bauer, „aber es kommt immer darauf an, wen Sie fragen“. Ob man besser am Tablet oder mit einem Buch lesen lernt, darüber gehen die Meinungen stark auseinander. Diejenigen, die sich in ihrem Alltag viel mit digitalen Geräten beschäftigten, sähen weniger Probleme. Für Bauer bietet die Digitalisierung der Schule in erster Linie eine Chance, Kinder frühzeitig auf die digitale Welt vorzubereiten. Neben der Arbeitserleichterung wachse die Arbeit an anderen Stellen, sagt Lena Schrader. „Manche erwarten, dass wir ständig erreichbar sind und auch reagieren. Wenn ein Schüler abends um zehn eine E-Mail schreibt, fragt er mich manchmal morgens, warum ich noch nicht geantwortet habe.“ Dazu komme derzeit noch die Vorbereitung, weil viele Konzepte und Unterrichtsmodule angepasst oder neu geschrieben werden müssen. Das ist derzeit noch Mehrarbeit, schafft aber, wenn es läuft, auch viele Erleichterungen.
Der Personalrat werde an den wichtigen Entscheidungen be-teiligt, erzählt dessen Vorsitzende Meike Mumm. „Vor der Einführung von IServ wurden wir gefragt, bevor das Projekt in der Schulkonferenz und in der Gesamtkonferenz vorgestellt wurde.“ Missstände, wie etwa eine permanent hohe Arbeitsbelastung, bestünden auch unabhängig von der Einführung neuer Techno-logien. „Die neue Technik vereinfacht vieles, das haben die KollegInnen eigentlich auch alle eingesehen.“

Viel zu tun für digital affine Lehrkräfte

Meike Mumm ist -Vorsitzende des Personalrates. „Die neue Technik vereinfacht vieles“, sagt sie.

Unser Tag am Ernestinum neigt sich dem Ende zu. Gesprochen haben wir mit denjenigen, die sich besonders für die Digitalisierung an der Schule einsetzen, vom Schulserver über den IT-Unterricht bis zur Erstellung der Homepage – alles Lehrkräfte, die in der Regel für etwas Anderes ausgebildet und zuständig sind. Die eine Stunde Unterrichtsentlastung, die Paul Bauer für seine zusätzliche Arbeit mit dem Schulserver bekommt, dürfte der real aufgewendeten Zeit kaum entsprechen.
Gefragt, woran es aus seiner Sicht besonders mangelt, sagt Schulleiter Habekost, es könne nicht angehen, „dass einige affine Lehrkräfte die Digitalisierung für den gesamten Schulbetrieb und für alle KollegInnen umsetzen“. Eine Lösung wäre, das Berufsbild des Schulassistenten aufzuwerten und mit einer klar umrissenen Tätigkeitsbeschreibung zu versehen, die Einrichtung und Pflege der digitalen Infrastruktur beinhaltet. „Derzeit wird der Schulassistent bezahlt, als würde er nur kaputte Lampen auswechseln und nicht nebenbei noch Softwareprobleme lösen“, sagt Habekost, und das könne es nicht sein. Zudem wartet die Schule schon länger auf die Mittel aus dem DigitalPakt, um die grundlegenden Mängel in der Infrastruktur zu beheben. Doch das dauert.

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