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Stürme, Dürre, Borkenkäfer

Wald in Gefahr

Von Michael Eufinger

Borkenkäfer setzen dem Wald erheblich zu.

Seit das Orkantief Friederike im Januar 2018 durch Europa zog, herrscht in den Wäldern Alarmstufe Rot. Ungewöhnlich viele Stürme und die große Dürre in den darauffolgenden Monaten haben den Bäumen stark zugesetzt. Besonders die weitverbreiteten Fichten-Bestände leiden zudem unter den sich rasant vermehrenden Borkenkäfern. Die Preise für Holz sind im Keller. Doch den Forstämtern fehlt nicht nur Geld, sondern vor allem Personal.

Wenn Försterin Anna von Steen mit ihren beiden Hündinnen Paula und Lotte im Sommer im Wald in Südniedersachsen unterwegs ist, dann gilt ihre Aufmerksamkeit insbesondere den Fichten. Die Kieferngewächse sind praktisch in ganz Deutschland zu finden und zählen zu den wichtigsten Baumarten für die Forstwirtschaft. Gerade in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie massenhaft angepflanzt, weil sie vergleichsweise schnell wuchsen, auch einen nicht ganz idealen Standort gut verschmerzen und sich ihr Holz vielseitig verwenden lässt. So konnten große Flächen aufgeforstet und etwa das Auswaschen von Hängen vermieden werden.
„Heute macht uns das große Probleme, es gibt bundesweit ein regelrechtes Fichten-Sterben“, erklärt van Steen. Denn die Fichte wurzelt nicht sehr tief und bietet dem Wind als Nadelbaum ganzjährig eine vergleichsweise große Angriffsfläche und ist zudem in der Regel recht hoch und schlank gewachsen. So fielen den Stürmen, die seit Januar 2018 über Deutschland fegten viele Fichten zum Opfer. „Stürme gab es natürlich schon immer und das ist normalerweise auch normalerweise nicht so ein riesiges Problem. Aber die Häufung, die wir seit dem Orkantief Friederike im Januar 2018 erleben, ist in Kombination mit der Witterung schon außergewöhnlich“, erklärt von Steen.

Nicht nur stürmisch, sondern auch viel zu trocken

Denn nicht nur die Stürme sind schuld an den katastrophalen Zuständen in den Wäldern. Zusätzlich ist das Wetter in den vergangenen Jahren auch noch viel zu warm und zu trocken gewesen „Es herrscht Dürre“, erklärte die 33-jährige von Steen, die für ihren Arbeitgeber, die Niedersächsische Landesforsten, eine Anstalt des öffentlichen Rechts, einen privaten Genossenschaftswald betreut (siehe Kasten).

Etwa 52 Prozent der Wälder sind in öffentlicher Hand, die anderen 48 in Privatbesitz (auch Kirchenwälder etc.). Aber auch viele Privatbesitzer beauftragen die Staatlichen Forstämter mit der Betreuung ihrer Wälder. Denn betreut werden müssen sie auf jeden Fall: Laut Waldgesetz ist jeder Besitzer zu „ordnungsgemäßer Forstwirtschaft“ verpflichtet.

Die Dürre setzt den Bäumen massiv zu. Grundsätzlich allen Bäumen, aber auch wieder besonders der Fichte. Aber sogar die Buche, wichtigster Laubbaum in Deutschland, ist heute vielerorts im Bestand bedroht. Dabei nahmen Experten lange Zeit an, dass die Buche eigentlich gut mit den Folgen des Klimawandels zurechtkommen würde. „Selbst Kiefern, die auch auf sandigen Böden wachsen und einen vergleichsweise geringen Wasserbedarf haben, leiden zur Zeit stellenweise“, so von Steen.

160.000.000 Kubikmeter Schadholz seit 2018?

Und als wären Stürme und Dürre nicht genug, hat letztere auch noch eine äußerst dramatische „Nebenwirkung“: Der Borkenkäfer vermehrt sich rasant. Besonders zwei Arten des Borkenkäfers nutzen das aus ihrer Sicht schöne Wetter, um sich fleißig zu vermehren. Und diese beiden Arten befallen vor allem einen Baum: Die Fichte. „Seit zwei Jahren werden in vielen Revieren nur vom Borkenkäfer befallene Fichten geschlagen, um die Verbreitung zu stoppen. Auch beim Abtransport ist Eile geboten“, so von Steen.

Im Wald gehen die Uhren anders: Natürlich haben auch Forstleute eine arbeitsvertraglich festgelegte Arbeitszeit. Aber fachlichen denken sie dann doch eher in Jahreszeiten – und auch sonst in anderen Dimensionen. Wenn Anna von Steen sagt, man könne eine Fläche unter Umständen mal „einen Moment“ sich selbst überlassen, meint sie damit zehn Jahre. Und: „Eine Buche braucht zum Erreichen ihrer Zielstärke – also bis sie reif ist, gefällt zu werden –130 Jahre.“

Das bedeutet: Wenn die Forstwirte mit einer Vollernte-Maschine, dem sogenannten „Harverster“, die Bäume gefällt, das Geäst entfernt und die Stämme grob geschnitten haben, muss das Holz von den „Rücke-Maschinen“ zügig zu den Waldwegen gebracht und von dort schließlich aus dem Wald herausgebracht werden. „Personal und Maschinen sind aber natürlich nur begrenzt verfügbar. Und die Menge des zu verarbeitenden Holzes ist enorm. Allein seit 2018 schätzen wir die Menge des Schadholzes in Deutschland auf etwa 160 Millionen Kubikmeter“, erläutert von Steen.

Anna von Steen (33) ist Försterin bei den Niedersächsischen Landesforsten, einer Anstalt öffentlichen Recht. Bevor sie 2019 ihr aktuelles Revier übernahm, war von Steen sechs Jahre in der Umweltbildung und zwei Jahre in der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Götting tätig. Außerdem vertritt von Steen im Bund Deutscher Forstleute (BDF) als Bundesjugendleiterin die Interessen der jungen Forstbeschäftigten.

Der Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (Screenshot von www.ufz.de vom 3. Juli 2020) lässt auch Laien das Ausmaß der Trockenheit erahnen.

 

Holzpreise im freien Fall

Diese Menge an Schadholz hat auch spürbare Folgen für den Holzmarkt. Von Steen: „2018 bekam man für einen Festmeter Fichtenholz 95 bis 100 Euro. Heute ist es mit 32 bis 35 Euro pro Festmeter noch etwa ein Drittel davon. Und wir sprechen hier vom Bestsortiment mit der höchsten Qualität. Alles andere ist praktisch unverkäuflich.“ Damit ist die Holzernte oft nicht mehr kostendeckend. Auch für die Aufforstung fehlt den Waldbesitzern oft schlicht das Geld. „Seit 2018 sind etwa 250.000 Hektar Freiflächen entstanden. Pro Hektar kostet die Neubepflanzung zwischen 5.000 und 10.000 Euro.“

Mischwald ist in vielerlei Hinsicht robuster. Daher ist es ein Glück, dass viele der Monokulturen, wie sie hier zu sehen ist, in den vergangenen Jahren bereits umgebaut wurden.

Aber nicht nur Geld, auch Personal fehlt an allen Ecken und Enden. „In den letzten 25 Jahren ist etwa die Hälfte aller Stellen gekürzt worden. Dabei sind die Anforderungen an den Wald – beispielsweise auch im Hinblick auf das Bedürfnis der Bevölkerung an Naherholungsgebieten – ständig größer geworden“, macht von Steen deutlich. Und Besserung ist nicht in Sicht, da sich die Forstberufe in einer ähnlichen, wenn nicht sogar größeren „Ruhestandswelle“ befinden wie vielen anderen Bereiche des öffentlichen Dienstes.

Mit mehr Leuten könnten die Zeiträume für die Holzernte besser genutzt werden. Es könnte auf den Freiflächen mehr gepflanzt und in den Baumschulen mehr Anzucht betrieben werden. Auch die privaten Waldbesitzer könnten intensiver betreut werden, etwa wenn es um die Beantragung von Fördergeldern geht. Und auch die Umweltbildung könnte umfangreicher sein, findet Anna von Stehen. „Dass man im Wald oft alleine unterwegs ist, ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber grundsätzlich okay. Dass wir Forstleute uns im Kampf um den Wald alleingelassen fühlen, ist es nicht.“

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