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Arbeitsmarkt und Inklusion

Chancen der Digitalisierung nutzen

Digitalisierungstreiber Corona verstärkt Chancen und Risiken für Menschen mit Behinderung.

In der Corona-Pandemie sind die soziale und digitale Teilhabe stark miteinander verschmolzen: Nur wer Zugang zu technischen Geräten und Kenntnisse über die digitalen Anwendungen hat, kann gegenwärtig umfassend auf dem Arbeitsmarkt partizipieren. Für Menschen mit Behinderungen kann das zu einer noch stärkeren Ausgrenzung führen. Jedoch bietet die Digitalisierung auch die Chance den Arbeitsmarkt inklusiver zu gestalten. Dem öffentlichen Dienst kommt dabei eine Vorbildfunktion zu.

Inklusionsbarometer Arbeit

Seit 2013 erstellt das Handelsblatt Research Institute in Kooperation mit der Aktion Mensch jährlich das Inklusionsbarometer. Basierend auf den jüngsten statistischen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der Integrationsämter werden zehn Teilindikatoren ausgewertet. Diese geben Auskunft über den aktuellen Grad der Inklusion von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt. Ziel ist es, Ansatzpunkte zu identifizieren, mit deren Hilfe Inklusion vorangetrieben werden kann. Aus aktuellem Anlass enthält die Studie 2020 ein Sonderkapitel, das die Corona-Pandemie und ihre Folgen für die Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderung anhand aktuellster statistischer Daten der BA analysiert.

Zum Inklusionsbarometer (Aktion Mensch)

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind für Menschen mit Behinderung besonders gravierend: Im Oktober 2020 lag die Anzahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung in Deutschland um rund 13 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das entspricht 173 709 Menschen mit Behinderungen ohne Arbeit – der höchste Wert seit 2016. Das geht aus dem „Inklusionsbarometer Arbeit 2020“ der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institutes hervor. Zwar steigt die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung langsamer an als die allgemeine Arbeitslosenquote, jedoch dürften die negativen Folgen der Corona-Pandemie für Arbeitslose mit Schwerbehinderung deutlich länger andauern. „Haben Menschen mit Behinderung ihren Arbeitsplatz erst einmal verloren, finden sie sehr viel schwerer in den ersten Arbeitsmarkt zurück als Menschen ohne Behinderung,“ erklärt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch. Das liege auch daran, dass es bei vielen Arbeitgebern immer noch zu viele Bedenken im Umgang mit Menschen mit Behinderung gibt, obwohl sie nachweislich die fachlichen Qualifikationen erfüllen. „Dass diese Befangenheit aber unbegründet ist, wird uns aus der Praxis bestätigt: So sagen vier von fünf von uns befragte Organisationen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, dass sie beispielsweise keine Leistungsunterschiede feststellen“, so Marx.
Neben den Barrieren in den Köpfen existieren auch oft räumliche und technische Hürden. „Wir stellen fest, dass Barrierefreiheit am Arbeitsplatz – auch digitale Barrierefreiheit – vielfach noch nicht mitgedacht wird. Damit aber auch Menschen mit Behinderung von dem Digitalisierungsschub profitieren können, den wir derzeit durch die Corona-Pandemie erleben, muss sich hier zwingend etwas ändern. Sonst resultieren die an sich großen Potenziale, die die Digitalisierung für Inklusion birgt, in einer noch größeren Ausgrenzung“, warnt Marx.

Digitalisierung erleichtert Inklusion am Arbeitsmarkt

Dass Technologie die Inklusion am Arbeitsmarkt erleichtert, erkennen vor allem Arbeitgeber, die bereits viel digital arbeiten. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft setzen im Dienstleistungssektor viele Betriebe technische Mittel gezielt ein, um Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Im Industrie- und Bausektor steht die Inklusion über Digitalisierung eher hinten an. Am besten gelinge es Unternehmen, Menschen mit Behinderung über technische Geräte wie Smartphones, Notebooks und Tablets in den Arbeitsalltag einzubinden. Inklusion am Arbeitsplatz geschieht aber auch über Lernvideos und Software.
Ein Problem ist nach Aussage des Instituts der deutschen Wirtschaft die Informationslage. Viele Unternehmen fühlen sich nicht ausreichend über rechtliche Bedingungen und finanzielle Unterstützung informiert. „Gerade kleine Betriebe brauchen besseren Zugang zu Informationen“, sagen die Studienautoren Anika Jansen und Christoph Metzler. „Ihnen fehlen die Ressourcen, sich aktiv mit dem Thema zu beschäftigen.“ Die Expertinnen und Experten verweisen auf Portale wie Rehadat.de, die Betrieben wesentliche Informationen an die Hand geben, um Inklusion am Arbeitsplatz erfolgreich umzusetzen.

Der öffentliche Dienst hat Vorbildfunktion

Digitale Assistenzsysteme wie Screenreader, Notfallsysteme oder Erinnerungs-Apps unterstützen viele Menschen mit Behinderung eigenständig zu leben.

Die Bundesagentur für Arbeit hat für 2021 rund 2,7 Milliarden Euro in den Haushalt eingestellt, um die Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit Behinderungen zu fördern. Mit dem Budget werden Aus- und Weiterbildungen, Eingliederungszuschüsse an Arbeitgeber und Leistungen zur beruflichen Bildung finanziert. Die Bundesagentur für Arbeit geht als Arbeitgeber selbst mit gutem Beispiel voran: Jeder zehnte Beschäftigte ist schwerbehindert. Die Inklusion von Menschen mit Behinderungen zählt zum Selbstverständnis. So wirbt die Bundesagentur für Arbeit gezielt um Mitarbeitende mit Schwerbehinderung.
Die öffentliche Verwaltung des Bundes, der Länder und der sonstigen Gebietskörperschaften hat aus Sicht der Bundesregierung auch eine Vorbildfunktion hinsichtlich der Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung. Öffentliche und private Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitsplätzen sind gesetzlich verpflichtet, auf mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Wenn diese Quote nicht erreicht wird, müssen Arbeitgeber eine Ausgleichsabgabe (je nach Erfüllungsgrad zwischen 140 bis 360 Euro im Monat) an das Integrationsamt zahlen. Nach der letzten veröffentlichten Auswertung durch die Bundesagentur für Arbeit betrug der Anteil der Menschen mit Behinderung bei den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes 6,4 Prozent. Bei den Bundesministerien hatten im Jahr 2017 das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) mit 11,05 Prozent und das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) mit 10,2 Prozent den höchsten prozentualen Anteil schwerbehinderter beziehungsweise gleichgestellter Beschäftigter. Im nachgeordneten Bereich des Bundesministeriums des Innern lag bei der Bundespolizei (BPol) der prozentuale Anteil bei nur 4,39, während das Bundesverwaltungsamt (BVA) die Quote mit 9,28 Prozent erfüllte. Die privaten Arbeitgeber haben im Durchschnitt hingegen nur eine Quote von 4,1 Prozent.

Barrierefreie Infrastruktur schaffen

Während der Corona-Pandemie sind in vielen Lebensbereichen die digitale und soziale Teilhabe noch stärker verschmolzen. Durch die zunehmende Bedeutung digitaler Formate haben Menschen mit Behinderung durchaus mehr Möglichkeiten zur Partizipation auf dem Arbeitsmarkt, aber auch im Bildungswesen und in der Freizeit. Digitale Lösungen ermöglichen Menschen, die weniger mobil sind, flexibles und ortsunabhängiges Arbeiten und Lernen. Digitale Assistenzsysteme wie Screenreader, Notfallsysteme oder Erinnerungs-Apps schaffen für viele Menschen mit Behinderung zudem eine größere persönliche Unabhängigkeit. Doch grundsätzlich gilt für Menschen mit und ohne Behinderung: Nur wer Zugang zu technischen Geräten und Kenntnisse über die digitalen Anwendungen hat, kann die Angebote umfassend nutzen. Voraussetzung dafür sind vor allem eine flächendeckend barrierefreie Infrastruktur in der Stadt und auf dem Land sowie die kontinuierliche Einbeziehung von Menschen mit Behinderung in die Gestaltung neuer Angebote. Inklusion und digitale Teilhabe sind gesamtgesellschaftliche Prozesse, die eine vielfältige und zukunftsfähige Gesellschaft erst möglich machen. Dazu müssen Menschen mit Behinderung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endlich die Akzeptanz und Unterstützung erfahren, welche für eine gleichberechtigte Teilhabe notwendig sind.

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