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Jobwechsel

Von der Gewerkschafterin zur Bürgermeisterin

Neue Bürgermeisterin in Steinhagen (NRW): dbbj-Mitglied Sarah Süß

 

Sarah Süß denkt darüber nach, ob sie nicht die Fachgewerkschaft wechseln müsste. Eigentlich gehört sie als Jugendvertreterin dem Vorstand im Bund Deutscher Rechtpfleger (BDR) in NRW an. Doch bei der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen wurde sie in der Stichwahl am 27. September 2020 in der Gemeinde Steinhagen zur Bürgermeisterin gewählt.

Von Tanja Walter

Sarah Süß, Mitglied der dbb jugend nrw, hat zum 1. November 2020 einen Behördenwechsel der besonderen Art hingelegt. Sie hat ihren Schreibtischstuhl im Amtsgericht Halle gegen einen im Rathaus von Steinhagen getauscht. Vorübergehend hängt die 28-Jährige ihren gelernten Beruf als Rechtspflegerin an den Nagel, um sich den Aufgaben der Bürgermeisterin in ihrer Wahlheimat Steinhagen zu widmen. Sarah Süß ist die erste Gemeindeoberste in der Geschichte Steinhagens. Fast auf den Tag genau drei Jahre, nachdem sie in die SPD eingetreten ist, mit der sie nun den Wahlsieg errang.

Steinhagen – Zufallswahl, aber Herzensangelegenheit

Noch immer kann die junge dbbj-lerin aus NRW das eindeutige Ergebnis der Stichwahl vom Wahlsonntag nicht fassen. Mit klaren 61,38 Prozent entschieden sich die Steinhagener für die junge Sozialdemokratin. Sie löst damit ihren Parteigenossen Klaus Besser im Amt ab. „Er war dann 26 Jahre lang Bürgermeister hier“, sagt Sarah und fügt beeindruckt hinzu: „Fast so lange wie ich alt bin.“
Eben noch im Juso-Vorstand und nun verantwortlich für eine 21 000-Seelen-Gemeinde. Erst seit 2015 wohnt Sarah in Steinhagen. Eine steile Karriere, könnte man sagen – und eine, die ungewöhnlich verlaufen ist. Ursprünglich war die Entscheidung, die ostwestfälische Gemeinde zum Wohnort zu machen, ein bisschen durch den Zufall mitbestimmt. Sarah suchte mit ihrem damaligen Freund und heutigen Verlobten nach einem gemeinsamen Wohnsitz. Doch die Zufallswahl stellte sich als Herzensangelegenheit heraus: „Wir haben uns hier gleich wohl gefühlt“, sagt die Bürgermeisterin.
Um in einem Ort neue Kontakte zu schließen, gibt es viele Möglichkeiten. Sarah entschied sich für eine ungewöhnliche: Sie bewarb sich 2016 als Neuzugezogene für das Amt der Heidekönigin. „Zu meiner eigenen Überraschung bin ich es geworden“, erzählt sie offen. Damit standen für ein Jahr viele Events und zahlreiche Begegnungen mit den Steinhagenern an. Genug Zeit, Kontakte zu knüpfen und eng in die Gemeinde hineinzuwachsen. „Als Heidekönigin lernte ich auch Bürgermeister Klaus Besser kennen und hatte viele Termine gemeinsam mit ihm“, erzählt sie.

„Als Bürgermeister wird man nicht geboren“

Die wird sie auch in der nächsten Zeit haben, denn auch Bürgermeister müssen eingearbeitet werden. „Auch, wenn ich als Rechtspflegerin natürlich die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen habe und weiß, wie Behörden arbeiten, habe ich aber noch nie im Rathaus gearbeitet“, gibt sie unumwunden zu. Doch Sorge macht das Sarah nicht. Niemand komme als Bürgermeister auf die Welt. „Ich glaube, dass es mehr darauf ankommt, wie man miteinander redet und umgeht und weniger auf das Alter“, sagt sie als wir sie fragen, ob sie sich nicht als junge Häsin vielleicht komisch fühlt unter manch altem Hasen im Rat und in der Verwaltung.
Miteinander zu reden, zu diskutieren und gemeinsam zu einer Lösung zu kommen, das hat Sarah auch durch ihre Gewerkschaftsarbeit gelernt. Seit 2018 ist sie Mitglied im Bund deutscher Rechtspfleger und ist dort schnell in den Vorstand gewählt worden. „Die Erfahrung aus dieser Zeit hat mir auch jetzt geholfen. Man lernt viel über den Umgang miteinander“, sagt sie.

1 500 Kilometer mit dem E-Scooter durch den Wahlkreis

Schon die Zeit des Wahlkampfs hat sie genutzt, um sich gründlich in allen Teilen ihrer Wahlheimat umzusehen. „1 500 Kilometer habe ich mit dem Elektroroller zurückgelegt“, sagt Sarah. Ihr Auto hatte sie zuvor verkauft und lebt so selbst das, wofür sie politisch eintritt: den Klimaschutz. „Wir haben bereits jetzt eine Stabsstelle Klimaschutz“, sagt sie. Doch möchte Sarah diese Arbeit zusätzlich um einen eigenen Ausschuss ergänzen. Der Umweltgedanke müsse in allen Bereichen mitgedacht werden – egal, ob es um Verkehr oder Bauen gehe.
Daneben hat sie auch eine Belebung des Ortskerns auf ihrer Agenda. Vielen fehle dort das Leben. Gerne möchte sie Gastronomen, Einzelhändler, Kulturschaffende und andere Akteure an einen Tisch holen und an kreativen Konzepten arbeiten. Neben diesen und vielen anderen Plänen sieht die 28-Jährige jedoch die größte Herausforderung darin, die Gemeinde gut und sicher durch die Corona-Krise zu bekommen: „Das wird eine finanzielle, aber ebenso menschliche Herausforderung“, sagt sie. Das wichtigste ist bei all diesen Aufgaben für sie: „Für die Bürger ansprechbar zu sein.“ Das ist in Steinhagen gute Tradition.

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