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Mediennutzung

Webholic oder nicht – wieviel digital ist gesund?

 
Chatten, posten, liken von früh bis spät – wenn das Liken zum Leiden wird, ist guter Rat teuer. Experten empfehlen deshalb eine vernünftige, sprich gesunde Online-Offline-Balance: Zwei Stunden digitale Freizeit pro Tag sind genug.

Digitale Medien sind allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken. Doch was, wenn sie das Leben dominieren, man die Kontrolle über den Umgang verliert, Kinder verhaltensauffällig werden, sie soviel Zeit in Anspruch nehmen, dass Jugendliche aus dem realen Leben verschwinden? Wenn Beziehungen, Ausbildung oder Arbeitsplätze gefährdet sind? Computerspiel- und Internetabhängigkeit beschäftigen inzwischen Ärzte, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Wissenschaft und Politik verstärkt.

Internet Gaming Disorder Scale

Mach den Selbsttest!

International anerkannte Grundlage für die Bewertung des individuellen Digital-Sucht-Verhaltens ist die „Internet Gaming Disorder Scale“ – ein Kanon von neun Standardfragen. Werden davon mindestens mit „ja“ beantwortet, liegt der Verdacht auf eine Abhängigkeit nahe. Der Begriff „Spiel“ kann je nachdem, um welche Sucht es geht, entsprechend ersetzt werden – „Online/Im Internet“, „Social Media“ etc.

Ende Gespielt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen?

Ende Unzufrieden, weil man mehr spielen will?

Ende Unglücklich, wenn man nicht spielen kann?

Ende Schon mal stundenlang an nichts Anderes denken können als an den Moment, an dem man wieder spielen kann?

Ende Streit mit anderen wegen des Spielverhaltens?

Ende Kein Interesse an Hobbys oder anderen Aktivitäten, weil man eigentlich nur noch spielen will?

Ende Die Zeit, die man Spielen gewidmet hat, vor anderen geheim halten?

Ende Das Spielen nicht verringert, obwohl andere gesagt haben, dass man das tun müsse?

Ende Ernsthafte Probleme mit Familie/Partner/Freunden wegen des Spielens?

Ja. Das Internet, WhatsApp, Instagram oder Snapchat können süchtig machen. Ebenso Online-Spiele und Online-Shopping. Mit verschiedenen Begriffen wie „Computerspielabhängigkeit“, „pathologischer Internetgebrauch“ und „Internetsucht“ werden mittlerweile Verhaltensweisen bezeichnet, die viele Merkmale von Sucht oder Abhängigkeit aufweisen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Diagnose „Internet Gaming Disorder“ mittlerweile in ihre offizielle Krankheiten-Klassifikation aufgenommen. Die Betroffenen haben zum Beispiel ihren Umgang mit dem Internet und Computerspielen nicht mehr unter Kontrolle, sie beschäftigen sich gedanklich übermäßig stark damit, fühlen sich unruhig oder gereizt, wenn sie diese Angebote nicht nutzen können, oder sie vernachlässigen andere wichtige Lebensaufgaben wegen des Computerspielens oder der Internetnutzung. Andere Formen problematischer Computernutzung, etwa bezüglich sozialer Netzwerke, gelten zurzeit als noch nicht hinreichend untersucht. Einheitlich anerkannte Methoden zur Erfassung der Störung stehen noch aus. Gleichwohl ist die Sensibilität für das Thema mittlerweile ungleich höher als noch vor zehn Jahren – was in Anbetracht jüngster Zahlen auch sehr angebracht ist.

Signifikanter Anstieg der Abhängigkeit

Laut aktueller Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat sich die Verbreitung der Computerspiel- und Internetabhängigkeit unter männlichen und weiblichen 12- bis 17-jährigen Jugendlichen von 2011 bis 2015 statistisch signifikant erhöht. Bei weiblichen Jugendlichen hat sie sich fast verdoppelt.
Auch die gesetzliche Krankenversicherung DAK-Gesundheit untersucht die Abhängigkeit von digitalen Medien und die Folgen seit mehreren Jahren. In ihrer Studie „WhatsApp, Instagram und Co – so süchtig macht Social Media“ wurde erstmals die Häufigkeit einer Social-Media-Abhängigkeit in einer für Deutschland repräsentativen Stichprobe erhoben. Das Anfang 2018 veröffentlichte Ergebnis: 8,4 Prozent der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren erfüllen die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der „Internet Gaming (Social Media) Disorder Scale“ (siehe Kasten). Laut Studie verbringen Jungen und Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren durchschnittlich rund zweieinhalb Stunden täglich mit sozialen Medien. Durch die intensive Nutzung entstehen gesundheitliche Probleme. Es gibt sogar einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Sucht und Depressionen. Die sozialen Probleme sind vielfältig: zu wenig Schlaf, Realitätsflucht und Streit mit den Eltern.

Soziale Netzwerke: Mädchen länger online

Mädchen sind länger in sozialen Medien unterwegs als Jungen – im Schnitt knapp über drei Stunden pro Tag (Jungen: 2,5 Stunden pro Tag). Je älter die Befragten werden, desto mehr Zeit verbringen sie bei WhatsApp, Instagram und Co: Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren sind fast 3,5 Stunden pro Tag in sozialen Medien, gleichaltrige Jungen nur 2,75 Stunden. Mit Abstand die beliebteste Anwendung ist WhatsApp, gefolgt von Instagram und Snapchat. „Je länger und häufiger die Kinder und Jugendlichen online sind, desto höher das Suchtrisiko“, sagt Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE. „Wir beobachten, dass Eltern häufig keine klaren Regeln zum Umgang mit sozialen Medien aufstellen. Die sind aber dringend nötig, damit ihre Kinder nicht unbemerkt in die Abhängigkeit rutschen.“ Besonders alarmierend sei der Zusammenhang zwischen Social-Media-Sucht und Depressionen, sagt Thomasius: Wer von sozialen Medien abhängig ist, hat ein um den Faktor 4,6 Prozent höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken als Nicht-Süchtige: Jeder dritte Jugendliche mit einer Social Media Disorder berichtet über Symptome einer Depression. „Über Ursache und Wirkung haben wir noch keine Erkenntnisse“, kommentiert der Suchtexperte. „Natürlich kann es auch sein, dass sich depressive Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurückziehen und deshalb ein Suchtverhalten entwickeln. In jedem Fall verstärken sich die beiden Faktoren, so dass eine ernste gesundheitliche Gefahr droht.“

Vernünftige Online-Offline-Balance

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, erklärt: „Soziale Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr weg zu denken. Die Studien bestätigen jedoch, was wir schon lange ahnten: Ein Zuviel an Smartphone und Co. schaden der Gesundheit und dem Familienleben. Damit es uns gut geht, brauchen wir eine vernünftige Online-Offline-Balance. Wer nur im Netz Kontakte hat, der dürfte im realen Leben ziemlich einsam sein. Ich stelle immer wieder fest, dass Eltern, wenn es um die Onlinenutzung ihrer Kinder geht, Orientierung suchen, und zwar von kompetenter Hand. Kinder müssen lernen, mit digitalen Medien umzugehen. Sie sollten nicht nur die Technik beherrschen, sondern auch die Chancen und Risiken dieser Medien erkennen. Beides muss zum Stoff gehören, wenn wir die Digitalisierung der Schulen so vorantreiben, wie es im Koalitionsvertrag beschrieben ist. Klar ist zudem, dass auch der Jugendschutz noch besser auf die Angebote im Netz antworten muss als es bisher gelingt, gerade mit Blick auf die Suchtpotenziale“, so Mortler.
In den Vereinigten Staaten, wo sich Untersuchungen schon deutlich früher mit den gesundheitlichen Herausforderungen der Digitalisierung beschäftigt haben, kommen die Forscher mit Blick auf das Nutzungsverhalten zu einem ähnlichen Rat wie Mortler: „Der Schlüssel zu einer Nutzung digitaler Medien und Glück ist begrenzte Nutzung“, sagt Wissenschaftlerin Jean M. Twenge von der San Diego State University, die als internationale Expertin in Sachen Computerspiel- und Onlinesucht gilt. Sie empfiehlt, zwei Stunden Online-Freizeit pro Tag nicht zu überschreiten und stattdessen mehr Zeit mit Freunden und mit sportlichen Aktivitäten zu verbringen. Beides würde die Zufriedenheit laut Studien verlässlich verbessern. Ende

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