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Maßregelvollzugszentrum Moringen

Hoffnung auf ein Leben

Von Britta Ibald

Es gibt in Deutschland verurteilte Straftäter, die nicht ins Gefängnis, also den regulären Justizvollzug, kommen, weil sie ihre rechtswidrige Tat in einem Zustand der Schuldunfähigkeit begangen haben und zu erwarten ist, dass sie weiter gefährlich sind und schwerste Straftaten begehen könnten. Auch Täter, die im Rausch straffällig geworden und aufgrund ihrer Sucht sehr wahrscheinlich auch in Zukunft kriminell sind, können vom Gericht anderweitig untergebracht werden. Anderweitig heißt: Maßregelvollzug – die Unterbringung in einer forensisch-psychiatrischen Klinik. Im Maßregelvollzugszentrum (MRVZN) Moringen sind mit rund 400 Patienten derzeit etwa ein Drittel aller Maßregelvollzugs-Verurteilten aus ganz Niedersachsen untergebracht. 700 Pfleger, Therapeuten, Pädagogen, Ärzte und viele weitere Beschäftigte haben die Aufgabe, sie soweit wie möglich zu heilen oder ihren Zustand soweit zu bessern, dass sie nicht mehr gefährlich sind – eine verantwortungsvolle Aufgabe, die allen Enormes abverlangt. Und nicht selten auch scheitert.

Dirk Hesse, Ärztlicher Direktor: „Wir dürfen das Delikt nicht im Vordergrund sehen, sonst wären wir blockiert. Die Straftat darf nie vergessen werden, aber der Mensch steht im Mittelpunkt. Nur so können wir hier arbeiten.“

Ein Alkoholiker, der im Vollrausch mit vorgehaltener Waffe einen voll besetzten Linienbus entführt und stundenlang durchs Land rasen lässt, bevor ein Sondereinsatzkommando die Geisterfahrt beendet. Eine demente Frau, die den Ehemann für einen Einbrecher hält und mit einem Küchenmesser ersticht. Ein jugendlicher Crystal-Junkie, der auf seiner Flucht mit dem Auto wahllos Menschen niedermäht. Ein notorischer Brandstifter. Ein schwerstpädophiler Wiederholungstäter. All das: hypothetische Fälle, deren Täterinnen und Täter wegen Schuldunfähigkeit von den Gerichten nicht für ihre schlimmen Straftaten verantwortlich gemacht und in den Justizvollzug geschickt werden können. Weil sie psychisch krank sind, weil die Sucht nach Rauschmitteln ihren Verstand aussetzen lässt und ihren Körper zerstört. Gleichwohl werden Täter wie sie verurteilt – zum Maßregelvollzug in einer forensisch-psychiatrischen Klinik.

Nicht „Inhaftierte“, sondern „Patienten“

Das Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen (MRVZN) in Moringen verfügt als größte Maßregelvollzugseinrichtung des Landes Niedersachsen über rund 400 Plätze, darunter auch ein Hochsicherheits-bereich mit 170 Plätzen, zur Behandlung gerichtlich eingewiesener Straftäter mit psychischen Störungen. Von den Delinquenten, die hier nicht „Inhaftierte“, sondern „Patienten“ sind, wurden etwa 70 Prozent nach § 63 StGB, also wegen psychisch bedingter Schuldunfähigkeit eingewiesen, bei ca. 30 Prozent handelt es sich um Suchtpatienten gemäß § 64 StGB. Der Frauenanteil in Moringen liegt bei zehn Prozent, rund 15 Prozent der Patienten haben einen Migrationshintergrund bzw. eine ausländische Staatsbürgerschaft.

Alle psychiatrisch bekannten Krankheitsbilder

„Wir haben es hier mit sämtlichen in der Psychiatrie bekannten Krankheitsbildern in allen Stadien und Verlaufsformen zu tun“, sagt Dr. Dirk Hesse, Ärztlicher Direktor des MRVZN: „Psychosen, hirnorganische Veränderungen, Persönlichkeitsstörungen, Neurosen, Sucht und Intelligenzminderung, außerdem eine ganze Reihe neurologische Krankheitsbilder.“ Therapeutisch geht es in Moringen um die Rehabilitation der Patienten – „im Rahmen des individuell Möglichen“, wie Hesse betont. Mit Psychotherapie, Soziotherapie und medikamentöser Behandlung soll der Maßregelvollzug die Patienten dazu bringen, „dass sie gesundwerden, sich bessern wollen. Wir müssen einen Platz im Leben für sie finden“, sagt Hesse. Dies gelinge bei Weitem nicht bei allen Eingewiesenen. „Natürlich gibt es Rückfälle, bis hin zu schwersten Straftaten. Wir haben Patienten, die weglaufen und welche, von denen wir wissen, dass sie hier nie wieder rauskommen.“ Doch die Moringer Belegschaft, rund 700 Beschäftigte insgesamt, verliert ihr Ziel trotz aller Rückschläge nie aus den Augen. Ärzte, Psycho-, Sozial-, Ergo-, Arbeits- und Gestaltungstherapeuten, Pädagogen und Pflegepersonal ziehen ebenso wie alle anderen Beschäftigten von der Küche über die Gärtnerei bis hin zur Werkstatt an einem Strang.

… bei Michaela Deppe. Die 25-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet auf der geschlossenen Station 03 des Maßregelvollzugszentrums in Moringen.

t@cker: Michaela, wie bist Du dazu gekommen, im Maßregelvollzug zu arbeiten?
Ich bin durch Bekannte auf den Maßregelvollzug aufmerksam geworden. Mich hat schon immer das Arbeiten mit forensischen Patienten interessiert – und das Ausbildungsangebot entsprach genau meinen Vorstellungen.

t@cker: Keine Angst?
Am Anfang wusste ich nicht, was mich erwartet, und war erstmal zurückhaltend. In meiner Einarbeitungsphase wurde ich von allen Berufsgruppen intensiv und sehr gut betreut, so dass eventuelle Ängste erst gar nicht entstehen konnten.

t@cker: Was sagen Deine Verwandten und Bekannten zu Deinem Job?
Die meisten sind erstaunt darüber, dass ich mit Straftätern arbeite und ihnen im Rahmen der Therapie eine zweite Chance geben kann. Mir fällt immer wieder auf, dass viele gar nicht genau wissen, was Maßregelvollzug überhaupt ist und was während der Unterbringung passiert.

t@cker: Und was sagst Du ihnen?
Bei meiner Arbeit habe ich schnell gemerkt, dass nicht die Straftat, sondern die psychische Erkrankung der Patienten im Vordergrund steht. Mir macht es Spaß, durch gemeinsame Arbeit im multiprofessionellen Team zu sehen, wie die Patienten resozialisiert werden können.

Erlebnisse schaffen: „Die Seele lernt in Bildern“

Ein vielseitiges, modernes und tiefenpsychologisch orientiertes Behandlungskonzept wird tagtäglich auf den 22 Stationen mit je rund 15 Plätzen sowie zehn Wohngemeinschaften mit vier bis sechs Plätzen umgesetzt. Therapeutische Grundlage ist das so genannte Familienmodell: Patienten und ihre Betreuer agieren ähnlich wie Eltern, Kinder, Geschwister, Onkel, Tanten, Freunde, Vertraute ... „Fürsorge, klare Regeln, Trösten, ein offenes Ohr haben, Meinungen austauschen, auch mal heftiger diskutieren, ohne gewalttätig zu werden“, erläutert Dirk Hesse. „Die Mitarbeiter, die jeweils eine klare Patientenzuordnung haben, nehmen in diesem Modell unterschiedliche Rollen ein, je nach therapeutischer Stoßrichtung.“ Zudem sind alle Bereiche der Klinik in die Therapie eingebunden: Küche, Werkstatt, Gartenanlagen – Ausdruck der so genannten Milieutherapie: „Damit holen wir normale Aspekte der Gesellschaft, insbesondere die drei wesentlichen strukturierenden Elemente Hauswirtschaft, Schule bzw. Arbeit und Freizeit, direkt in die Therapie herein. Denn wichtig ist, dass die Patienten später im Alltag zurechtkommen“, erklärt Hesse, „das können die meisten hier überhaupt nicht, wenn sie ankommen. Entweder haben sie es nie gelernt oder wieder verlernt.“ Die Klinik müsse die Patienten, von Grund auf „an die Hand nehmen“, sie in gewisser Weise „beeltern“, vielen von ihnen selbst so rudimentäre Dinge wie Körperpflege und Selbstversorgung, Ordnung und Sauberkeit beibringen, Benehmen im Umgang mit anderen, den Umgang mit Geld. „Dabei spielt das persönliche Erleben eine große Rolle“, macht der Ärztliche Direktor Dirk Hesse deutlich, „die Seele denkt in Bildern.“ Deswegen sind die Mitarbeiter, insbesondere Pfleger und Therapeuten, regelmäßig unterwegs mit den Patienten: Einkaufen gehen, Putzen, Kochen, Wäsche waschen, Ausflüge, Reisen – Einiges davon auch am Abend oder am Wochenende. „Das baut neben den so wichtigen Erlebnissen und Erfahrungen – den Bildern für die Seele – auch Beziehungen auf. Wenn man zum Beispiel gemeinsam mit seinen Betreuern eine anstrengende Wanderung hinter sich gebracht, gemeinsam gekämpft und sich über das schlechte Wetter aufgeregt hat“, sagt Hesse. „Psychiatrie ist reine Beziehungsarbeit, wir brauchen die Beziehung zu den Patienten, das ist die einzige Tür, durch die wir an sie rankommen. Wir können hier keine Wärter sein, die auf Distanz bleiben, das funktioniert nicht“, stellt er klar.

   
         
Alltag strukturieren: In Moringen können die Patienten einen Schulabschluss machen und sich an verschiedenen Kreativprojekten beteiligen. All dies ist Teil der Therapie und verpflichtend.   Pflegedirektor Manfred Uhlendorff: „Wir brauchen Leute, die sich für Menschen und ihre Schicksale interessieren.“ Gleichzeitig müssen sich die Beschäftigten im Maßregelvollzug darüber im Klaren sein, mit wem sie es zu tun haben: Straftätern.

Zuviel des Guten für Straftäter?

Ganz schön viel des Guten, und offenbar reichlich Verständnis für Straftäter, die allesamt etwas auf dem Kerbholz haben, teilweise allerschlimmste, unfassbare Dinge getan haben, möchte man meinen. Dirk Hesse nickt verständnisvoll. „Klar“, sagt er, „das ist häufig die Reaktion auf unsere Arbeit: Warum solche ‚Monster‘ überhaupt versorgen und therapieren?“ Er stelle dann immer eine Gegenfrage, erklärt Hesse:
„Was wäre denn die Alternative? Was sollte mit unseren Patienten passieren, wenn es uns hier nicht gäbe?“ Moringen selbst beispielsweise habe eine traurige Vergangenheit, war seit 1933 Standort eines der ersten Konzentrationslager der Nationalsozialisten. „Wollen wir sowas als ‚Lösung‘?“, fragt Hesse, bewusst provozierend. „Das Prinzip Hoffnung auf ein eigenes Leben in Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht, eines unserer Grundrechte. Deswegen gilt das Ziel der Resozialisierung, der Rückkehr in die Gesellschaft, im regulären Justizvollzug ebenso wie im Maßregelvollzug“, erklärt Hesse. „Das bedeutet, dass kein Mensch verloren gegeben werden soll, dass man bei allen Schwierigkeiten, bei aller Abscheu einer Straftat gegenüber zumindest auf der Suche nach dem Guten in jedem Patienten bleiben soll. Natürlich ist das nicht immer leicht. Aber aus diesem Recht der Hoffnung auf ein eigenes Leben, das wir alle haben, erwächst eben die Verantwortung, auf allen Ebenen menschlichen Daseins Gutes bereitzustellen, damit Gutes entstehen kann.“ In keiner Weise würden die Straftaten der in den Maßregelvollzug Eingewiesenen entschuldigt, betont Hesse. „Wenn wir aber therapeutisch erfolgreich sein wollen, dürfen wir das Delikt nicht im Vordergrund sehen, sonst wären wir blockiert. Die Straftat darf nie vergessen werden, aber der Mensch steht im Vordergrund. Nur so können wir hier arbeiten.“

Stationsteams: Motor der Therapie

Die Stationsteams sind der Motor der Therapie. Sie stellen die „Probebühne“ für den Patienten dar: Hier muss mit täglichen Konflikten umgegangen, mit den Patienten um Einhaltung der Abläufe und vielfältigen Regeln „gerungen“ werden. Dafür müssen die Mitarbeiter entsprechend gewappnet und ausgebildet sein. MRVZN-Pflegedirektor Manfred Uhlendorff weiß das, und bei der Auswahl und Ausbildung des Personals wird größter Wert auf die besonderen Skills gelegt, die Beschäftigte für den Maßregelvollzug mitbringen sollten: „Wir brauchen Leute, die sich für Menschen und ihre Schicksale interessieren. Und man muss den Menschen an sich in einem gewissen Maße mögen, um hier arbeiten zu können. Wer zum Beispiel von vornherein sagt, dass er mit Pädophilen nichts zu tun haben will, kann hier nicht arbeiten, das ist leider so.“ Man muss im Maßregelvollzug auch damit klarkommen, dass jeden Tag Grundrechte von anderen Menschen eingeschränkt werden: „Wir entziehen die Freiheit, wir isolieren, wir fixieren, wir müssen gegebenenfalls auch zwangsweise medikamentieren“, sagt Uhlendorff. „Das sind alles Grenzsituationen, an die man sich als Mensch, der wir ja alle hier sind, nie ganz gewöhnt, die aber Teil des Jobs sind.“

Maßregelvollzug

Im Maßregelvollzug werden nach § 63 und § 64 des Strafgesetzbuchs unter bestimmten Umständen psychisch kranke oder suchtkranke Straftäter entsprechend den vom Richter angeordneten freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Sicherung untergebracht. Vom Maßregelvollzug zu unterscheiden ist die Sicherungsverwahrung nach § 66 StGB für gefährliche Straftäter, die ausschließlich dem Schutz der Öffentlichkeit dient, die aber häufig auch in den Kliniken der forensischen Psychiatrie erfolgt. „Forensik“ ist ein Sammelbegriff für wissenschaftliche und technische Arbeitsgebiete, in denen kriminelle Handlungen systematisch untersucht werden – in der forensischen Psychiatrie geht es also um die Untersuchung und Behandlung psychischer Ursachen von Kriminalität.

Beziehungsarbeit – eine große Herausforderung

Hinzu kommt als weitere Herausforderung für das gesamte Personal die Beziehungsarbeit mit den Patienten, zu denen sich mit dem Therapiekonzept zwangsläufig eine Nähe ergibt, die oft geradezu schizophren erscheint: „Einerseits brauchen wir diesen unmittelbaren Zugang, um mit den Patienten arbeiten zu können, andererseits müssen wir ihnen auch enge Grenzen setzen“, sagt Uhlendorff. „Wir sind nicht in einer Fabrik, wo standardisierte Produkte vom Band laufen“, ergänzt der Ärztliche Direktor Dirk Hesse. „Wir haben 400 hochkomplexe Individualisten, auf die wir uns einstellen und mit denen wir arbeiten müssen. Zwar sind die Patienten alle erwachsen. Aber selbst Mitzwanziger trampeln hier wie Dreijährige, wenn sie ihren Willen nicht bekommen, augenscheinlich Friedliche flippen in Nullkommanichts aus. Da müssen Sie mit umgehen und die richtige Art der Ansprache finden – ob Sie jetzt der Haustechniker, die Pflegerin oder der behandelnde Arzt sind“, so Hesse. Flexibilität, Teamfähigkeit und Achtsamkeit seien wesentliche Grundvoraussetzungen beim Personal – „ohne das geht gar nichts. Ein einzelner Therapeut kann das Ruder nicht alleine rumreißen, wir müssen alle gemeinsam am gleichen Ziel arbeiten und aufeinander aufpassen.“
Einen nicht unwesentlichen Teil des Teams generiert das MRVZN selbst über die hauseigene Krankenpflegeschule, wo pro Jahrgang 54 Auszubildende in Theorie und Praxis des Maßregelvollzugs ausgebildet werden. Als erste Ansprechpartner auf allen Stationen sind die Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger Helfer und Vertraute für die Patienten, Vermittler zwischen den Patienten untereinander sowie zwischen Patienten und anderen Mitarbeitern der Klinik. Vor allem ist es ihre – oft mühsame – Aufgabe, Regeln und Forderungen in der Praxis zu vertreten und sie den Patienten verständlich zu machen. Darüber hinaus müssen sie natürlich auf Gefährdungen achten und Sicherheitsvorkehrungen überwachen. Von besonderer Bedeutung ist auch die Teilnahme des Pflegepersonals an den Gruppentherapie-Sitzungen, weil die Kenntnis des Patienten aus dem gesamten Alltag, vor allem auch nachts und an Wochenenden, ganz wesentlich hilft, Schwierigkeiten des Patienten besser zu erkennen und zu verstehen.
Damit die Mitarbeiter diesen vielfältigen Herausforderungen, die nicht selten „richtig ans Eingemachte gehen“ (Uhlendorff), gewachsen sind, professionelle Bewältigungsstrategien an die Hand bekommen und mit der Angst, die „natürlich ein ständiger Begleiter ist, auch als gesunder Sicherheitsmechanismus,“ umgehen können, kümmert sich die Klinik auch intensiv um die Gesundheit ihrer Beschäftigten. Jede Station hat alle 14 Tage Supervision, zusätzlich kann jeder Mitarbeiter eine Einzelsupervision in Anspruch nehmen, sei es dauerhaft oder punktuell, wenn es um bestimmte Situationen oder Erlebnisse geht. „Dieser strukturierte Austausch schweißt die Teams noch enger zusammen, man achtet aufeinander, kümmert sich“, erzählt Pflegedirektor Uhlendorff. Gleichwohl gibt es noch Einiges zu tun in Sachen Gesundheitsmanagement für das Krankenhauspersonal, weiß er. „Es ist schon signifikant, dass die meisten Beschäftigten am Ende ihres Dienstes nicht in die reguläre Rente, sondern in die Erwerbsunfähigkeitsrente gehen. Denn insgesamt ist die Arbeit im Maßregelvollzug eine sehr anspruchsvolle, das kann man nicht anders sagen.“ So gibt es viele Herz-Kreislauferkrankungen, auch Sucht – Nikotin, Alkohol, Tabletten – ist für einige ein (schlechter) Weg, um mit den täglichen Herausforderungen klar zu kommen, sich möglicherweise auch einfach einmal zu betäuben, so Uhlendorff: „Wenn Sie zum Beispiel Jahre lang im Hochsicherheitsbereich arbeiten, Tag für Tag mit Menschen zu tun haben, die in der Öffentlichkeit als ‚Bestie‘ bezeichnet werden, wo sie sich nie sicher sein können, was als Nächstes passiert, ist das schon eine ganz enorme Belastung.“

   
         
Eigener Nachwuchs: In der Krankenpflegeschule desMRVZN werden pro Jahrgang 54 Kranken- und Gesundheitspflegerinnen und -pfleger ausgebildet.   Hochsicherheitsbereich: „Man weiß eigentlich nie, was passiert, wenn man die Tür öffnet“, sagt der stellvertretende Stationsleiter Guido Krause.

Hochsicherheitsbereich: Menschen „unter Dampf“

Das weiß Guido Krause, stellvertretender Leiter der Station 16 im Hochsicherheitsbereich der Klinik, nur zu gut. In zwölf Einzelappartements sind hier neben zwei schwangeren Patientinnen, die hier zu ihrem eigenen Schutz sind, untergebracht. Schwierige Fälle mit "längerfristigen Perspektiven". Im Dienstzimmer sitzen Krause und seine Kollegen gerade bei der Schichtübergabe. Auf einer großen Monitorwand werden Bilder der Kameras, die in jedem Appartement installiert sind, übertragen. Ein Patient fegt sein Zimmer, ein andere sitzt in Unterwäsche auf dem Bett, im Appartement nebenan geht jemand im Kapuzenpulli auf und ab. Draußen auf dem Flur ist es still, die Appartements sind alle verschlossen. „Wir haben hier aktuell viele, die dauerhaft im Einschluss sind, weil sie einen erhöhten Sicherungsbedarf haben“, erklärt Guido Krause. Deswegen beschränken sich die Arbeiten des Pflegepersonals aktuell auf die Tagesversorgung, sehr viel mehr als die und der tägliche einstündige Hofgang sowie punktuelle Krisenintervention, wenn jemand „unter Dampf“ steht, sind momentan nicht drin. „Das ist natürlich sehr bedauerlich, dass wir überwiegend nur Kurzkontakte haben. Nicht zuletzt generieren wir darüber ja auch unsere Sicherheit – wen man besser kennt, behandelt man in aller Regel auch besser“, sagt Krause. Aber momentan seien die Patienten auf dieser Station im Grunde mehrheitlich nicht gesellschaftskompatibel, da gehe therapietechnisch sehr wenig. „Man weiß eigentlich nie, was passiert, wenn man die Tür öffnet.“ Zwar versuche man immer wieder, einen näheren Kontakt aufzubauen, aber die Hürden seien sehr hoch. „Und wenn man dann denkt, man hat endlich einen Zugang zu einem Patienten gefunden, wird das durch eine akute Krise wieder konterkariert.“ Jüngstes Beispiel: Ein Langstands-Patient, seit 1995 in Moringen, wurde von einem anderen Mitpatienten über die offenen Fenster der Appartements derart provoziert, „dass er völlig ausflippte“ – der Mann schlug seinen Kopf mehrfach in rasender Geschwindigkeit und voller Wucht an Wände und Schränke und blutete bereits stark aus mehreren Wunden, als die Pfleger nur nach Sekunden bei ihm waren, um ihn zu bändigen und beruhigen, was nicht leicht war. „Da hat man wieder einmal gesehen, wieviel Kraft und Aggressivität nach all den Jahren immer noch da sind“, erinnert sich Krause. Auslöser für die Krise: Der provozierende Mitpatient hatte einen versprochenen Schokoriegel nicht bekommen und wollte seinen Frust schlicht an einem anderen abreagieren. Er piesackte seinen Zimmernachbarn so lange, bis dieser keinen anderen Ausweg aus der Situation mehr sah als sich selbst zu verletzen. „Da ist es dann schon schwer, sich die empathische Grundhaltung zu bewahren, die wir hier eigentlich alle haben. Wir gehen immer so offen wie möglich auf die Menschen zu – aber manchmal ist es dann auch für uns emotional echt kritisch“, sagt Krause. Allein in diesem Monat habe es in dieser Abteilung drei Übergriffe auf das Pflegepersonal gegeben – und wie zur Verdeutlichung der Situation schrillen auf einmal alle Funktelefone im Dienstzimmer mit einem Alarmton, an der Wand blinkt ein Display, auf dem in roter Schrift die Station aufleuchtet, wo ein Kollege den Druckalarm auf seinem Handy ausgelöst hat. Gleichzeitig stürzen alle Pfleger raus aus dem Dienstzimmer und rennen dorthin. Zurück bleibt der Stationsleiter – und eine fast unerträgliche Stille. Warten. Die Gedanken: Was ist da los? Was passiert? Dann die Erleichterung: Etwas außer Atem, kommt das Team zurück: „Alles okay.“ „So ist das hier“, sagt Guido Krause und wendet sich wieder der Dienstübergabe zu.

   
         
Stefan Meyer, Stationsleiter einer Suchtstation: „Ein langer und steiniger Weg ist, den so mancher auch nie zu Ende gehen wird. Aber wir versuchen es immer wieder.“

„Suchtarbeit ist Widerstandsarbeit“

„Suchtarbeit ist Widerstandsarbeit, hier fliegen auch mal die Fetzen“, berichtet Stefan Meyer, Stationsleiter auf einer der vier Suchtkrankenstationen in Moringen. In seiner Therapiestation leben die Patienten gemischtgeschlechtlich in 4er- und 5er Wohngruppen zusammen – in der Regel für zwei Jahre, so ist das Therapieprogramm angelegt. In diesem durchlaufen die Patienten nach der Entgiftung drei Phasen – vom Kennenlernen über die Motivationsphase bis hin zur Rehabilitationsphase. Je nach Verlauf gibt es immer mehr Lockerungen für die Patienten, und am Ende steht „hoffentlich der Gang in ein sucht- und deliktfreies Leben“, sagt Meyer. Um im gleichen Atemzug zu betonen, dass das bei Weitem nicht alle schafften und man sich in Moringen auch des Öfteren wiedersehen würde.
„Den klassischen Junkie gibt es nicht mehr“, sagt Stefan Meyer. „Heroin, Kokain, Crystal, Spice – die chemische Küche kennt heute keine Grenzen“, sagt der Experte, der in Moringen seit über 30 Jahren mit Suchpatienten arbeitet. Auch der Alkoholiker in Reinform finde sich nur noch selten, „oft haben wir es hier mit polytoxikomanischer Sucht, also Mehrfachabhängigkeiten, zu tun“. Dem verheerenden Substanzenmix entsprechend extrem seien die Nebenwirkungen für die Süchtigen, und umso heftiger auch die Delikte, derentwegen sie verurteilt würden, weiß Meyer. Auch die Patientenklientel an sich hat sich verändert: „Deutlich jünger, viel mehr aus anderen Kulturkreisen, und auch die Hemmschwelle vor Gewalt gegenüber anderen hat spürbar abgenommen – auch bei den Frauen.“ Immer öfter haben es die Beschäftigten mit wahllosen Aggressionen, dissozialen Persönlichkeiten und Impulsstörungen zu tun – „die Zündschnur ist kürzer geworden“. Der Alltag von Meyer und seinen Kolleginnen und Kollegen ist sehr kontrollgeprägt, regelmäßig werden die Patienten und ihre Appartements durchsucht. „Wer nicht clean ist, macht keine Therapie, und ohne Therapie kommt hier keiner raus“, erklärt Meyer die Maßregeln. Allein: „Wir machen uns keine Illusionen – hier kriegst Du alles – ähnlich wie im Knast. 100-prozentige Zugangskontrolle können wir nicht leisten“, schon durch die vielen Besuche und Ausgänge – bis zu 1.000 pro Woche –, allesamt Bestandteile der Therapie, ergäben sich zigfache Möglichkeiten der Drogenbeschaffung, weiß Meyer. Handys sind verboten, Fernseher, Computer und Spielkonsolen nur ohne Online-Funktionen und nach vorheriger und laufender IT-forensischer Kontrolle erlaubt, „aber man glaubt gar nicht, wie viele Handy hier trotzdem im Umlauf sind“… Klingt nach Sisyphusarbeit, vergeblicher Liebesmüh? Meyer winkt ab. „Nein, trotz aller Widrigkeiten und Rückschläge macht es Sinn, dass wir hier systematisch unser Ziel verfolgen – die Patienten möglichst gesund zu machen, sie dazu zu bringen, ein besserer Mensch werden zu wollen“, sagt Meyer. „Wenn man sich die Geschichten ansieht, die sie alle so im Gepäck haben, wird vollkommen klar, dass das ein langer und steiniger Weg ist, den so mancher auch nie zu Ende gehen wird. Aber wir versuchen es halt immer wieder“, sagt er, nickt nachdrücklich und sieht aus dem Fenster auf eine Gruppe seiner Patienten, die draußen in der Herbstsonne sitzen und miteinander reden.

   
         
Viel Grün, wenig Beton und Stacheldraht – das Klinikgelände mutet bewusst nicht auf den ersten Blick wie ein klassisches Gefängnis an. Frei bewegen kann man sich trotzdem nur mit dem Schlüssel. Und den hat nur das Personal.

Erfolge Dank intensiver Betreuung

Wer über das Gelände der Moringer Landesklinik geht, wähnt sich nicht unmittelbar in einem „Gefängnis“. Wenig Beton und Stacheldraht fallen auf den ersten Blick in Auge, die gesamte Anlage ist sehr grün, vom Frühjahr bis spät in den Herbst hinein blüht es hier. In vielen Beeten finden sich Werke der Patienten aus der Steinskulpturenwerkstatt. Die Pflege übernimmt die Gärtnerei, in der etwa 20 Patienten beschäftigt werden. Die positiven Rückmeldungen für diese Arbeiten, auch von den Mitarbeitern, die sich in diesem angenehmen Arbeitsumfeld wohl fühlen, führen zu einer hohen Identifikation mit dem Haus, so dass es keine Probleme mit Vandalismus gibt. „Die Patienten müssen schöne Erfahrungen machen“, stellt der Ärztliche Direktor Dirk Hesse klar. „Und sie brauchen Räume, wo sie auf andere Menschen treffen, sich mit ihnen auseinandersetzen, vielleicht sogar reiben können, letztlich aber wahrgenommen werden und sich spüren. Deswegen versuchen wir innerhalb der Klinik unter Beachtung aller Sicherheitsaspekte so viel Bewegungsfreiraum zu schaffen wie möglich.“ Das höre sich für viele sicher nach Wellness an, räumt Hesse ein. Aber er macht deutlich: „Die Patienten sind hier nicht freiwillig. Sie können nicht gehen, wohin sie wollen, nicht tun, was sie wollen. Ihre durchschnittliche Verweildauer bei uns liegt zwischen acht und zehn Jahren, und in dieser Zeit nutzen wir jede Gelegenheit und ergreifen jede sinnvoll erscheinende Maßnahme, um unsere Aufgabe zu erfüllen.“ Der intensive Maßregelvollzug leistet einen ganz entscheidenden Anteil an der Kriminalitätsbekämpfung und Prävention, ist Hesse überzeugt. „Wir haben deutlich geringere Rückfallquoten als der Justizvollzug.“ Allein die intensive Behandlung der Suchtkranken zeitige sichtbare Erfolge – „was sich da allein an Beschaffungskriminalität vermeiden lässt, ist ein starkes Argument“. Aber wie immer beißt sich auch hier die Katze in den Schwanz – „wieviel sich Staat und Gesellschaft die Resozialisation ihrer Straftäter kosten lassen wollen, war und ist eine heiß diskutierte Frage“, weiß Hesse.

„Mehr Wertschätzung“

Jens Schnepel (GeNi – Gewerkschaft für das Gesundheitswesen) ist Gesamtpersonalratsvorsitzender im Maßregelvollzugszentrum Niedersachsen und sagt: Es wird immer schwerer, Nachwuchs und Fachkräfte zu gewinnen.

t@cker: Die persönlichen Belastungen der Beschäftigten im Maßregelvollzug sind sehr hoch. Was muss getan werden, damit die, die therapieren und heilen, nicht auch krank werden?
Ganz klar: Wir brauchen ein strukturiertes Gesundheitsmanagement und Gefährdungsanalysen unter besonderer Beachtung der Belastungen im psychischen Bereich. Außerdem gehören aus Arbeitnehmersicht auch die Optimierung von Arbeitsbedingungen und Arbeitsorganisation zu einem gesunden Umfeld – ebenso wie die Anerkennung von Leistungen auch durch nicht-monetäre Belohnungen, Möglichkeiten zur Ruhe und Bewegung und zur kostengünstigen gesunden Verpflegung.

t@cker: Wie sieht es mit der Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung aus?
Es wird immer schwieriger, geeignete Menschen zu bewegen, eine Ausbildung im Gesundheitswesen anzutreten und auch durchzuhalten, auch Fachkräfte suchen wir immer wieder händeringend. Dabei brauchen wir diesen Nachwuchs dringend: Unser Altersdurchschnitt liegt aktuell zwischen 46 und 56 Jahren, im ärztlichen Bereich sogar zwischen 52 und 60…

t@cker: Woran liegt’s?
Das hängt grundsätzlich sicher mit den ungünstigen Arbeitszeiten und den gesundheitlichen Herausforderungen zusammen, und natürlich auch mit dem Entgelt. In der Pflege wird man trotz der wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe, die hier Tag für Tag erfüllt wird, in der forensischen Psychiatrie allemal, nicht reich! Dieses Problem schlägt besonders auch bei der Gewinnung von Ärzten ins Gewicht. Vor allem private Krankenhäuser haben mehr Spielraum bei der Bezahlung, aber auch bei Wechseln innerhalb des öffentlichen Dienstest gibt es zu häufig finanzielle Einbußen, die die Beschäftigten zu Recht nicht hinnehmen wollen. Hinzu kommt, dass der Maßregelvollzug zum einen grundsätzlich recht unbekannt ist und zum anderen leider wenige Fans in der Bevölkerung hat – es wäre schön, wenn wir mit Unterstützung der Politik ein positiveres Image und mehr Akzeptanz in der Öffentlichkeit für unsere Arbeit erreichen könnten. Mehr Wertschätzung insgesamt für die Pflege und insbesondere die forensische Pflege steht also ganz oben auf unserem Wunschzettel.

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