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Arbeiterbewegung und Gewerkschaften in Deutschland

„Alle Räder stehen still …“

Jeder Fünfte Beschäftigte ist heute in Deutschland gewerkschaftlich organisiert. Die Beschäftigtenvertretungen engagieren sich für Verbesserungen bei den Einkommens- und Arbeitsbedingungen – wie hier bei einer Demonstration des dbb beamtenbund und tarifunion, Dachverband der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes und der privatisierten Bereiche.
In Leipzig gründete der Schriftsteller Ferdinand Lasalle gemeinsam mit einigen Arbeitern am 23. Mai 1863 die weltweit erste sozialdemokratische Partei: Den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). An der Wiege stand seinerzeit auch Georg Herwegh, ein aus Stuttgart stammender Dichter. Aus seiner Feder stammt das Bundeslied der neuen Partei, dessen Zeilen weltweite Berühmtheit erlangten – „Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will...“ Noch heute, mehr als 100 Jahre nach der historischen Gründung einer Arbeitnehmerorganisation, wird dieses geflügelte Wort stets zitiert, wenn es um Auseinandersetzungen zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern – Sozialpartner werden sie mittlerweile genannt – geht: Zuletzt titelten Medien mit dem Räder-Zitat beispielsweise 2014/2015 im Zusammenhang mit einem großen und dauerhaften Streik der Lokführergewerkschaft GDL, organisiert unter dem Dach des dbb beamtenbund und tarifunion. t@cker wirft einen Blick auf die Entstehung der Arbeiterbewegung in Deutschland und ihrer Interessenorganisationen, der Gewerkschaften.

Millionen neuer Arbeitsplätze wurden durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert geschaffen. Die Kehrseite: Bis zu 13 Stunden Arbeit täglich in dunklen, dreckigen Hallen. Unfälle und Krankheiten waren alltäglich, von Arbeitsschutz oder Gesundheitsschutz keine Spur, Kinderarbeit war an der Tagesordnung. Das harte Leben als Arbeiter bedeutete Not und Elend. Über Jahrzehnte, zwischen 1800 und etwa 1850, spitzte sich diese Situation zu, die Stimmen der Kritik an den unmenschlichen Zuständen wurden lauter.

Die Soziale Frage des Industriestaats

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert schaffte Millionen neuer Arbeitsplätze – aber auch eine miserable Lage für die Arbeiter: Bis zu 13 Stunden Arbeit täglich in dunklen, dreckigen Hallen, Kinderarbeit, kein Arbeitsschutz, keine soziale Absicherung. Aus der Not wurden Kritik und Wut – Antriebsriemen für die erfolgreiche Entstehung und Entwicklung der Arbeitnehmerbewegung.

Auch in Deutschland, das einen rasanten Wandel vom Bauern- zum Industriestaat hinlegte. Die Handwerker litten darunter, dass ihre kleinen Betriebe wegen der Fabrikfertigung vernichtet wurden. Die Menschen zog es zunehmend in die Städte oder in deren Nähe, dorthin, wo es Fabriken und Arbeit gab – unter schlechtesten Bedingungen. Zunächst fanden sich die Menschen mit den herrschenden Zuständen ab. Doch die elende Situation löste schließlich die öffentliche Diskussion um die so genannte Soziale Frage aus, die die Sozialpolitik des 19. Jahrhunderts dann entscheidend prägen sollte. Die niedrigen Löhne der Arbeiter reichten kaum zum Überleben, weswegen auch Frauen und Kinder zur Arbeit geschickt wurden, die allerdings meist weniger als die Hälfte des Lohns für Männer bekamen. Für Fehlproduktionen gab es sogar Lohnabzüge. Die Familien hausten in kleinen Ein- oder Zweizimmerwohnungen, das Geld reichte gerade für Miete, Brot und Kartoffeln – Heizung? Bad? Fehlanzeige. Es galt, Lösungen für diese miserable Lage zu finden. In den 1830er-Jahren begannen einige Unternehmer, sozial eingestellte Bürger und Intellektuelle, sich für die Arbeiter einzusetzen, die Forderungen an den Staat zu handeln werden massiver. In den Folgejahren schließen sich Arbeiter, Kirchenvertreter, Intellektuelle und Politiker zu Hilfsvereinen oder Selbsthilfeorganisationen zusammen.

Arbeitervereine: Dem Staat ein Dorn im Auge

Auch die Beamtenschaft organisierte sich gewerkschaftlich: 1918 wurde in Berlin der Deutsche Beamtenbund gegründet.

Versuchte der Staat anfangs noch vehement, die Organisationen der Arbeiter zu verhindern, und vermochten auch die Revolutionäre 1848 ihre Forderungen nach einer Verbesserung der Situation für die Arbeiter zunächst nicht durchzusetzen, war der Anstoß gegeben. Unter den Arbeitern wuchs die Bereitschaft, sich zusammenzuschließen und gegen die weiterhin herrschende Unterdrückung zu kämpfen. In den Jahren nach 1848 gründeten sich zahlreiche „Arbeiter-Verbrüderungen“, Gründungsväter sind noch heute bekannte Arbeiterführer wie Ferdinand Lassalle, Karl Liebknecht, August Bebel, Max Hirsch oder Franz Dunker und Hermann Schulze-Delitzsch. Die wachsende Arbeiterbewegung und deren Organisationen waren dem Staat natürlich ein Dorn im Auge. Das von Reichskanzler Otto von Bismarck des im Jahr 1871 neu gegründeten Deutschen Reichs erarbeitete Gesetz gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz, verbot im Jahr 1878 „Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung bezwecken“. Dadurch wurde die Arbeit der Gewerkschaften in den folgenden Jahren stark behindert. Erst 1890 wurde das Sozialistengesetz wieder aufgehoben.

19. Jahrhundert: Endlich lohnt sich der Kampf

Beim ersten folgenden Gewerkschaftskongress im März 1892 in Halberstadt sprachen sich die Teilnehmer dann für berufliche Zentralverbände aus, die sich fortan Freie Gewerkschaften nannten und überwiegend sozialistisch orientiert waren. Im Jahr 1894 wurden auch die ersten christlichen Gewerkschaften gegründet, die sowohl die kapitalistische Geisteshaltung als auch den Sozialismus marxistischer Prägung ablehnten. In den Folgejahren führten die Gewerkschaften zahlreiche lange Arbeitskämpfe. Jede Errungenschaft blieb weiterhin mit staatlichem Druck verbunden. Doch nach und nach gelang es den Gewerkschaften, die Unternehmer für den Abschluss von Tarifverträgen zu gewinnen. Im Jahr 1906 schloss der Metallarbeiterverband seinen ersten Tarifvertrag ab. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 wurden die Gewerkschaften schließlich endlich auch von den staatlichen Stellen anerkannt – kein Wunder: Ihre Hilfe wurde schließlich zur Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft gebraucht. Das Hilfsdienstgesetz von 1914 erlaubte den Gewerkschaften erstmals, Einfluss auf die Gesetzgebung zunehmen. Das Gesetz räumte ihnen zudem die Einrichtung von gewählten Arbeiterausschüssen in den Betrieben ein, Vorläufer der heutigen Betriebsräte. Die Gewerkschaften gewannen Mitspracherechte und wurden Verhandlungspartner in den Betrieben. Mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs im Jahr 1918 wurden weitere wichtige Forderungen der Gewerkschaften verwirklicht, beispielsweise der Achtstundentag, die Aufhebung der Gesindeordnungen und die Übernahme der Arbeitslosenunterstützung durch den Staat.
Und auch die Beamtenschaft organisierte sich: Am 4. Dezember 1918, unmittelbar nach dem Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk vom 12. November, der erstmalig auch den Beamten das uneingeschränkte Koalitionsrecht zugestand, wurde in Berlin der Deutsche Beamtenbund (DBB) als „Zusammenschluss der deutschen Beamten- und Lehrervereinigungen auf gewerkschaftlicher Grundlage“ gegründet. Zum Bundesvorsitzenden wählten die Beamten Ernst Remmers (1868-1937), der bereits jahrelang als Vorkämpfer der Einigungsbewegung der deutschen Beamtenverbände engagiert war. (Mehr zur Geschichte des dbb beamtenbund und tarifunion, wie der DBB sich heute nennt, lest Ihr in den t@cker-tipps).

Gewerkschaften …

… sind auf Dauer angelegte, staats-, partei- und gegnerunabhängige Vereinigungen von und für Arbeitnehmer/n, die auf freiwilliger Mitgliedschaft basieren. Als etablierte Verbände organisieren sie abhängig Erwerbstätige (Arbeiter, Angestellte, Beamte) mit dem Ziel, deren wirtschaftliche, soziale, gesellschaftliche und politische Interessen zu vertreten. Im Mittelpunkt der Gewerkschaftstätigkeit steht die Regulierung der Arbeitsbedingungen (Entlohnung, Arbeitszeit, Urlaub etc.) durch kollektive Vereinbarungen (Tarifverträge) mit Arbeitgeberverbänden und – in geringem Umfang – mit einzelnen Unternehmen (sog. Haustarifverträge). Einflussnahme und Interessenvertretung richten sich aber auch auf die Institutionen und Träger politischer Entscheidungsprozesse, insbesondere bei sozial- und wirtschaftspolitischen Themen. In Deutschland sind Gewerkschaften rechtlich, sozial und politisch anerkannte Organisationen. Sie können sich auf eine stabile Mitgliedschaft in ausreichender Zahl stützen (Bestandsvoraussetzung), während die Mitglieder den Organisationszielen loyal gegenüberstehen und durch ihre Mobilisierungsbereitschaft die Konfliktfähigkeit der Gewerkschaft glaubhaft machen (Handlungsvoraussetzung).

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013.

Machtergreifung und Zerschlagung

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Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise konnte sich die nunmehr organisierte Beschäftigtenbewegung etablieren und entwickeln. 1933 jedoch brach dann im Zuge der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten auch für die unabhängigen deutschen Gewerkschaften ein dunkles Kapitel an: Sie wurden zerschlagen und aufgelöst – während ihr Geist indes den Zweiten Weltkrieg überdauerte und man die Tradition der Arbeitnehmerbewegung im am Boden liegenden Deutschland wiederaufnahm. Nach 1945 wurden in allen Besatzungszonen richtungsübergreifende Einheitsgewerkschaften gegründet. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde nach 1945 der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) aufgebaut, der bereits 1946 die Züge einer zentralistischen Organisation trug, den Führungsanspruch der SED ausdrücklich anerkannte und mit der Zeit eine quasi-obligatorische Mitgliedschaft fast aller DDR-Beschäftigten durchsetzte. Von den Anforderungen an freie und unabhängige Gewerkschaften hatte sich der FDGB nach 1945/46 rasch entfernt, so dass es nicht verwundert, dass er im Zuge der deutschen Wiedervereinigung zum Ende September 1990 aufgelöst wurde.

Aus den in den Westzonen gegründeten Einheitsgewerkschaften entstand 1949 der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) als Dachverband von seinerzeit 16 autonomen, überwiegend nach dem Industrieverbandsprinzip strukturierten Einzelgewerkschaften, die über die Finanz- und Tarifhoheit verfügen und die Mitglieder organisieren. Durchbrochen wurde – und ist – das Streben nach einer umfassenden Einheitsorganisation neben DGB-internen Friktionen unter anderem auch durch den 1955/59 gegründeten, jedoch bis heute aufgrund seiner geringen Mitgliederzahl einflussarm gebliebenen Christlichen Gewerkschaftsbund Deutschlands (CGB). Mehr Gewicht hat der 1949 neu gebildete dbb beamtenbund und tarifunion, der mit 40 Mitgliedsverbänden und rund 1,3 Millionen Mitgliedern einen unverkennbaren tarifpolitischen Einfluss erlangt hat. Durchbrochen wurde das Einheitsstreben schließlich auch durch zahlreiche teils bereits Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre, teils später entstandene Spartenorganisationen mit meist berufsverbandlichem Zuschnitt. Wie die 1949 nach dem Krieg ebenfalls neu gegründete Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), eine Mitgliedsgewerkschaft des dbb, oder der Marburger Bund der Ärztinnen und Ärzte zeigen sie sich in der Lage, durch eine Betonung von berufsspezifischen Interessen einen hohen Organisationsgrad und tarifpolitische Erfolge zu erzielen.

Grundgesetz garantiert Koalitionsfreiheit

Die rechtliche Grundlage für die Gewerkschaften in Deutschland bildet Artikel 9 des Grundgesetzes, der neben der Vereinigungsfreiheit als Staatsbürgerrecht (Art. 9 Abs. 1) in Abs. 3 die Koalitionsfreiheit „für jedermann und für alle Berufe“ gewährt „zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen“. Weitergehende gesetzliche Regelungen wie ein Verbände- oder ein spezifisches Gewerkschaftsgesetz, das Struktur, innere Verfassung und Repräsentativitätskriterien festlegen würde, bestehen in Deutschland nicht, es hat sich aber mittlerweile eine umfassende Rechtsprechung („Richterrecht“) entwickelt, durch die die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern ausdifferenziert geregelt und gestaltet sind und werden. Der Grundgesetzschutz des Art. 9 Abs. 3 umfasst nicht nur Bildung und Bestand von Gewerkschaften gegen staatliche und private Eingriffe, sondern ein ebenfalls und insbesondere von den Gewerkschaften hoch geschätztes Recht auf die Tarifautonomie von Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie ein Streikrecht für die Arbeitnehmer zur Durchsetzung ihrer Forderungen. Darüber hinaus finden sich verschiedene gesetzliche Vorgaben, mit denen die Steuerung der Arbeitsbeziehungen, die Partizipation und Einflussnahme der Gewerkschaften, also die Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten in Verwaltungen, Betrieben und in Unternehmen geregelt werden, unter anderem das Betriebsverfassungsgesetz und Gesetze zum Personalvertretungsrecht auf Bundes- und Länderebene.

Immer in der ersten Reihe: Bei den Einkommensrunden im öffentlichen Dienst ist die dbb jugend immer ganz vorne mit dabei. Gerade die jungen Beschäftigten sind bekannt dafür, dass sie sich mit bunten und kreativen Protestformen Gehör verschaffen. Damit den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern die berechtigten Forderungen auch garantiert nicht entgehen!

Mitgestalter auf allen Politikfeldern

Ihren Einfluss machen die Gewerkschaften in Deutschland weit über die Tarifpolitik hinaus geltend, schließlich sind sie Sprachrohr und organisatorische Repräsentanten von Millionen Erwerbstätigen – und Wählerinnen und Wählern. Von wichtiger Bedeutung für die Chance zu politischen Einflussnahmen sind für die Gewerkschaften Regelungen, die ihren Vertreterinnen und Vertretern den Zugang zu politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen eröffnen. Neben der Möglichkeit, dass Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter entsprechend der Geschäftsordnung des Bundestags als Sachverständige oder Interessenvertreter an öffentlichen Anhörungen auf Einladung teilnehmen, soll Gewerkschaften wie anderen „Zentral- und Gesamtverbänden sowie Fachkreisen“, wenn sie sachlich betroffen sind, eine „rechtzeitige Beteiligung“ bei der Vorbereitung von Gesetzesinitiativen ermöglicht werden (Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien). Ergänzt werden diese Mitwirkungsmöglichkeiten durch die Mitarbeit von Gewerkschaftsvertretern in zahlreichen Beiräten und Gremien, die z. B. bei verschiedenen Bundesministerien bestehen, in der Gestalt von Rundfunkräten als Kontrollorgane öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten fungieren oder beim Statistischen Bundesamt eine beratende Aufgabe einnehmen. Durch die Mitwirkung von Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern als Beisitzer und ehrenamtliche Richter bei Sozial- und Arbeitsgerichten sind sie auch an der richterlichen Gestaltung des Arbeits- und Sozialrechts beteiligt. Die Vielfalt der rechtlich verbrieften Mitwirkung der Beschäftigtenvertretungen macht deutlich, dass die Gewerkschaften in Deutschland grundsätzlich als relevante Interessenorganisation anerkannt, politisch integriert und an der politischen und sozialen Gestaltung der Gesellschaft beteiligt werden. Wie weit diese Partizipationschancen für die Durchsetzung eigener Forderungen und Ziele genutzt werden können, hängt freilich stets von den aktuellen politischen Kräfteverhältnissen ab.

Anpassungs- und Innovationsfähigkeit gefordert

Junge dbb Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter: Auch in Zukunft werden die Beschäftigtenvertretungen als anerkannte Sozialpartner eine wichtige Gestaltungs- und Ordnungsfunktion in Deutschland haben.

Aktuell sehen sich die Arbeitnehmervertretungen in Deutschland ebenso wie die gesamte Wirtschaft und der öffentliche Dienst aufgrund der tiefgreifenden Transformation der Arbeitswelt durch die seit Jahren zunehmende Automatisierung, Digitalisierung und Anwendung künstlicher Intelligenz vor neue Herausforderungen gestellt. Jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland ist derzeit gewerkschaftlich organisiert. Im Durchschnitt aller Branchen und Tarifbereiche waren laut einer Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Jahr 2015 18,9 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Insgesamt ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad damit im Vergleich zum Jahr 2011 leicht gestiegen. Die Zuwächse gehen vor allem auf das Konto des dbb beamtenbund und tarifunion, während der DGB mit seinen heute acht Branchengewerkschaften Mitglieder verloren hat. Wie die Auswertung zum Organisationsgrad weiter zeigt, gehören jüngere Beschäftigte deutlich seltener einer Arbeitnehmervertretung an als ältere. In der Altersgruppe bis 40 Jahre lag der Anteil unter 14 Prozent. Allein die „Generation 50plus“ zieht den Durchschnittswert nach oben: In der Altersgruppe von 51 Jahren bis zum Ruhestand waren 25,9 Prozent der Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft. Zugleich sind Frauen und Teilzeitkräfte zu deutlich geringeren Anteilen gewerkschaftlich organisiert als Männer und Vollzeitbeschäftigte. Deren Organisationsgrade liegen knapp über 20 Prozent. Insbesondere beim DGB scheinen sich damit die Umwälzungen in der Arbeitswelt auf die Mitgliederentwicklung auszuwirken. War diese über lange Zeit – von der Gründung des Dachverbandes 1949 bis etwa Anfang der 1980er Jahre – überwiegend durch Wachstum gekennzeichnet, musste man dem langfristigen sozioökonomischen Strukturwandel, der von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft führt und mit unterschiedlicher Dynamik einzelne Branchen bereits seit den 1960er Jahren (Steinkohlenbergbau, Bekleidungs- und Textilindustrie, Eisen- und Stahlindustrie) erfasst hat, mittlerweile Tribut zollen. Das „Aussterben der Stammkunden“ und eine „neue Topographie der Arbeit“ kennzeichnen eine veränderte Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft in eine Richtung, an die sich die Mitgliederrekrutierung zahlreicher Gewerkschaften noch nicht erfolgreich anzupassen vermochte. Zurückzuführen ist diese Problematik auf die noch immer vorherrschende Verankerung zahlreicher Gewerkschaften im Industriesektor, während sich gleichzeitig die traditionellen Arbeitermilieus auflösten, und Organisationsdefizite im Dienstleistungsbereich. So schrumpfte einerseits das Mitgliederpotential der Gewerkschaften in den „alten“ Industrien wie Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie, Schiffbau und Textilindustrie, andererseits wuchs im Dienstleistungssektor die Zahl der Beschäftigten, die für die Gewerkschaften schwieriger zu organisieren sind. Eine stetig zunehmende Internationalisierung der Produktion und der Dienstleistungen, die eine Zunahme der Zahl der Teilzeitbeschäftigten, der Leih- und Heimarbeiter und der unselbständig Selbständigen dürften außerdem dazu beigetragen haben, dass insbesondere die DGB-Gewerkschaften in den letzten zwei Jahrzehnten einen kontinuierlichen Mitgliederrückgang verzeichnen mussten. Mit etwa 6,2 Millionen Mitgliedern haben sie aktuell den Mitgliederstand von 1975 unterschritten, allerdings bei einer um mehr als die Hälfte angestiegenen Anzahl von abhängigen Erwerbstätigen (1975: 22,5 Millionen, 2011: 37 Millionen). Bezogen auf diese Zahlen sank der Organisationsgrad des DGB von etwa 34 Prozent auf unter 20 Prozent.
Kontinuierlich positiv entwickelt sich der Mitgliederbestand hingegen beim dbb, der jedoch aufgrund seiner Konzentration auf die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und der privatisierten Bereiche eine grundlegend homogenere Ausgangslage für Rekrutierungs- und Organisationsstrategien hat. Seit langer Zeit organisiert der gewerkschaftliche Dachverband zudem nicht mehr nur die Beamtinnen und Beamten, sondern auch die Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes – aktuell (2017) beläuft sich der Mitgliederstand auf 921.224 Beamtinnen und Beamte sowie 390.972 Angestellte – anders gesagt: 425.643 Frauen, 886.553 Männer.
Wer nun aber angesichts rückläufiger Mitgliederzahlen Legitimationsdefizite bei den Gewerkschaften in Deutschland sehen oder gar gleich ihr „Ende“ ausrufen will, irrt laut Experten, die einhellig betonen, dass Repräsentationsdefizite und Rekrutierungsschwächen keineswegs eine manifeste Funktionskrise der Gewerkschaften bedeuten. Ihre Gestaltungs- und Ordnungsfunktion wird bislang trotz mancher Detailkritik von niemandem grundsätzlich in Frage gestellt. Gleichwohl sind in diesen Zeiten ihre Anpassungs- und Innovationsfähigkeit durchaus gefordert – und so wird es auch in Zukunft heißen „Frau und Mann der Arbeit, aufgewacht! Und erkenne deine Macht ...“

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