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Bildung 4.0

Digital wird normal

Beispiel Estland: Mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern ist der baltische Staat – wie in zahllosen anderen Bereichen der Staats-, Wirtschafts- und Lebensorganisation – auch in Sachen Bildung digitaler Vorreiter in Europa. Seit 1999 sind alle Schulen des Landes ans Internet angeschlossen, der Unterricht ist konsequent digital.

Klassenlehrerin Riina Leppmaa steht, ihr Tablet in der Hand, inmitten ihrer Schüler im Klassenraum. Mathematik ist angesagt an der Schule in der estnischen Hauptstadt Tallinn, 4. Klasse. Die Aufgaben stehen auf der interaktiven Tafel – neudeutsch: Smartboard. Nachdem Leppmaa die Aufgabe vorgelesen hat, betrachten die jungen Schüler die Karten, die vor ihnen liegen. Jede hat eine Art QR-Code und steht für eine Antwortmöglichkeit. Die Kinder halten jeweils die Seite mit dem ihrer Meinung nach richtigen Ergebnis nach oben, und Riina Leppmaa scannt die Klasse mit dem Tablet ab. Sekunden später weiß die Pädagogin, wer richtig geantwortet hat und wer nicht. Das Resultat erscheint automatisch auch auf dem Smartboard.

Was sich für deutsche Lehrer nach ferner Zukunft anhören mag, ist in Estland längst normal: Seit 1999 sind alle Schulen ans Internet angeschlossen, ab 2020 soll es alle Schulbücher auch digital geben. Jedes Jahr gibt Estland laut OECD fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, in Deutschland sind es nur 4,3 Prozent. Das baltische Land mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern ist – wie in zahllosen anderen Bereichen der Staats-, Wirtschafts- und Lebensorganisation – auch in Sachen Bildung digitaler Vorreiter in Europa. Während an den Grund- und weiterführenden Schulen auch in anderen europäischen Ländern digitales Lernen längst zum Regelbetrieb gehört, ist ein Ende der Kreidezeit in Deutschland noch nicht in Sicht – obwohl seit Jahren Absichtserklärungen abgegeben werden, dass man den Nachwuchs doch fit fürs weitgehend digital bestimmte „4.0“ in allen Lebenslagen fit machen müsse.
An Riina Leppmaas Schule, dem Tallina Saksa Gümnaasium, ist jeder Klassenraum mit Beamer und Lautsprecher ausgerüstet, in einigen gibt es auch Smartboards. Der normale Unterricht findet regelmäßig im Computerraum statt, egal welches Fach. Programmieren und Robotik sind Wahlfächer, jeweils zwei Klassensätze Tablets und Laptops sind immer verfügbar und im Keller der Schule steht ein 3-Drucker, der regelmäßig zum Einsatz kommt.
Im Computerraum neben Riina Leppmaas Klassenzimmer hat eine zweite Klasse Estnisch-Unterricht. Die Kinder sitzen vor den Rechnern und lösen gemeinsam mit der Lehrerin verschiedene Aufgaben. Einige sind schnell fertig und bekommen mit einem Klick Extra-Aufgaben. Eine Etage höher schreiben die Schüler einer neunten Klasse gerade einen Mathematiktest, die Fragen rufen sie mit ihrem Smartphone ab. Wer kein Handy hat, arbeitet am Computer oder bekommt von der Schule einen Laptop oder ein Tablet gestellt.

Beispiel Finnland: Auch hier lernen bereits Grundschüler mit Tablet oder Laptop, das sieht der nationale Lehrplan so vor. Ab der ersten Klasse stehen Informations- und Kommunikationstechnologie in allen Fächern sowie Programmieren in Mathematik im Curriculum. Spätestens in der dritten Klasse sollen alle jungen Finnen die Grundkenntnisse von Word und Excel kennen.

Warum den Kindern die Handys wegnehmen?

Niemand würde hier auf die Idee kommen, den Kindern ihre Handys wegzunehmen. „Anstatt Dinge zu verbieten, wollen wir den Schülern beibringen, wie man mit ihnen umgeht“, sagt Schulleiter Kaarel Rundu. Manchmal werde die Digitalisierung an estnischen Schulen von Außenstehenden falsch verstanden: „Es geht nicht darum, alles zu digitalisieren. Wir wollen den Kindern beibringen, wie sie Technik am besten für sich nutzen können.“ Natürlich gebe es auch an estnischen Schulen Frontalunterricht, Schreibhefte und Bücher.
Doch die Technik helfe den Schülern beim Lernen. Zudem wird der Unterricht durch technische Hilfsmittel auch effizienter. Seit 2002 nutzen fast alle Schulen in Estland das digitale Klassenbuch „ekool“. Die Lehrer tragen dort ein, was sie in einer Unterrichtsstunde behandelt haben, welche Hausaufgaben es gibt, wer gefehlt hat. Die Eltern können die Daten ihrer Kinder einsehen und dem Lehrer Nachrichten schicken oder Entschuldigungen hochladen.

Finnland: Lernen in der Cloud

„Der Geist ist willig, das WLAN schwach“: Der Monitor Digitale Bildung der Bertelsmann-Stiftung attestiert dem deutschen Bildungssystem in Sachen Digitalisierung einen enormen Nachholbedarf.

In der Wirtschaftsstunde von Teemu Maunula in der 7. Klasse der Maunun-Mittelschule im finnischen Rusko geht es zu wie bei einem Ping-Pong-Spiel: Ständig ist der Lehrer mit seinen Schülern im Gespräch, alle gestikulieren, Fragen und Antworten fliegen hin und her. Vor den Teenagern liegen nicht etwa Bücher, Hefte und Stifte, sondern Tablets. Ein Beamer wirft Maunulas PowerPoint-Präsentation zum heutigen Thema an die Wand. Die Schüler müssen mittippen, was er sagt, ab und zu steht einer von ihnen auf und fotografiert mit seinem Handy eine Folie ab, um es dann in seinen Notizen in der Cloud von Microsoft OneNote zu speichern. Handys? Im Klassenraum ausdrücklich erlaubt.
Auch in Finnland lernen bereits Grundschüler mit Tablet oder Laptop, das sieht der nationale Lehrplan so vor. Ab der ersten Klasse steht Informations- und Kommunikationstechnologie in allen Fächern im Curriculum. Demnach sollen die jungen Finnen spätestens in der dritten Klasse die Grundkenntnisse von Word und Excel kennen. Zudem steht in Mathe ab der ersten Klasse Programmieren auf dem Stundenplan. Die Inhalte der Schulbücher, die es nach wie vor gibt, liegen komplett in der Cloud. Auf ihren Tablets können die Schüler dann Texte lesen, Videos schauen oder Tests schreiben. Mit Lern-Programmen werten die Lehrer die Leistungen individuell aus. „Die Schüler können ihre Note genau nachvollziehen – und ich auch. Das hilft mir sehr, denn ich habe 20 Klassen und mit Papier-Tests würde ich Wochen brauchen, um alles zu bewerten“, sagt Lehrer Maunula.

Deutschland: „Der Geist ist willig, das WLAN schwach“

Die beiden Fallbeispiele aus Europa zeigen, dass digitale Bildung zunehmend normal wird. Wie es um die IT-Ausstattung und unterrichtsbezogene -Anwendung der Schulen in Deutschland steht, ist indes nur relativ schwer nachzuvollziehen. In einschlägigen internationalen Studien fehlt die Bundesrepublik, weil es aufgrund „ungenügender“ Rückmeldungen keine ausreichenden Daten gibt. Eine repräsentative Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Digitalisierung des Schulbetriebs hierzulande legte jedoch unlängst nahe, dass ein Unterricht wie bei Riina Leppmaa in Estland oder Teemu Maunula in Finnland an den meisten deutschen Schulen gar nicht umsetzbar wäre. „Der Geist ist willig, das WLAN ist schwach“, titelte der „Monitor Digitale Bildung“ im September 2017 und stellt für Deutschland fest: „Die digitale Welt verändert das Lernen wie kaum eine gesellschaftliche Entwicklung zuvor. Viele Schulen haben das erkannt, aber noch nicht in ihrem Schulalltag umgesetzt. Lehrer und Schulleiter begrüßen zwar grundsätzlich die neuen Technologien – für ihren pädagogisch sinnvollen Einsatz fehlt es jedoch noch immer an Konzepten, Weiterbildung und Infrastruktur.“ 80 Prozent der befragten Schüler bestätigten unterdessen, dass sie durch Lernvideos, Internetrecherche oder moderne Präsentationsprogramme aktiver und aufmerksamer seien und wünschen sich einen vielseitigeren Einsatz digitaler Medien. Dennoch bauen die meisten Lehrer selbst längst etablierte Medien wie YouTube, Wikis und Power Point nur gelegentlich in ihren Unterricht ein. Noch seltener finden neuere Anwendungen wie Lern-Apps, Lernspiele oder Simulationen den Weg in den Schulalltag: Nicht einmal jeder zehnte Lehrer setzt solche digitalen Medien ein, die kreatives, individuelles oder interaktives Lernen fördern. Und obwohl ihre technische Ausstattung häufig noch schlecht ist, verbieten 62 Prozent der Schulen, private Handys, Tablets und Laptops der Schüler im Unterricht zu verwenden. Der Bertelsmann-Stiftung zufolge fehlt es also bei der digitalen Transformation im Klassenzimmer nicht nur an Geräten und Internet-Anschlüssen, sondern vor allem an konsistenten Konzepten, wie digitale Medien im Unterricht sinnvoll einzusetzen sind. „Schule nutzt das pädagogische Potenzial des digitalen Wandels noch nicht“, sagt Stiftungs-Vorstand Jörg Dräger.

Größte Hürde: Die technische Ausstattung

„Schule nutzt das pädagogische Potenzial des digitalen Wandels noch nicht“, sagt Bertelsmann-Stiftung-Vorstand Jörg Dräger.

Aus Sicht der Lehrerverbände ist gleichwohl die technische Hürde derzeit die größte. Mehrere Meinungsumfragen des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) zeigen: Lehrkräfte wollen, können aber aufgrund mangelhafter Ausstattung, fehlender Fortbildung und unzureichender technischer Unterstützung nicht in dem gewünschten Maß mediengestützten Unterricht durchführen. Sie sehen die Vorteile, die das Lehren und Lernen in der digitalen Welt hat bzw. haben könnte, vermissen aber die notwendigen Gelingensbedingungen. Der VBE setzt sich dafür ein, dass die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ umgesetzt wird. Dafür braucht es aus Sicht des Verbandes Infrastruktur mit Breitband, eine regelhafte und flächendeckende Ausstattung der Schulen mit digitalen Endgeräten, digitale Lernmaterialien und ausreichende Fortbildungen mit entsprechender Fortbildungszeit innerhalb der Dienstzeit. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) ergänzt aus Sicht der Gymnasiallehrer, dass reflektierte Bildungsprozesse der Schüler stehen im Vordergrund der Bildungsarbeit stehen, wozu es in erster Linie einer angemessenen digitalen Infrastruktur an den Gymnasien bedarf.

Bildungsauftrag: Digitalkompetenz für alle

Der Branchenverband Bitkom macht jedenfalls deutlich, dass der öffentliche Druck auf die Bildungspolitik in Sachen Digitalisierung wächst. Einer repräsentativen Bitkom-Studie vom März 2018 zufolge sind die allermeisten Bürger der Meinung, dass digitale Medien und Inhalte in Schulen deutlich stärker zum Einsatz kommen sollten. 84 Prozent sagen, dass digitale Kompetenzen im Schulunterricht einen höheren Stellenwert genießen sollten. Genauso viele meinen, Schulen sollten die Fähigkeit vermitteln, sich sicher in sozialen Netzwerken und im Internet zu bewegen. Sieben von zehn Befragten denken, dass Informatik ab der 5. Klasse Pflichtfach werden sollte, und sechs von zehn sind der Ansicht, dass Schulen Programmieren ebenso selbstverständlich vermitteln sollten wie Rechnen oder Schreiben. „Für Schüler sind digitale Medien längst Alltag, viele Schulen sind aber noch immer analoge Inseln. Kinder und Jugendliche müssen in der Schule Digitalkompetenz erwerben. Nicht jeder kann und muss später Programmierer werden, aber alle sollten wissen, wie digitale Technologien funktionieren, wie man sie einsetzt und gestaltet“, sagt Bitkom-Präsident Berg.

Digitalpakt: Umsetzung weiter offen

Best Practice am altsprachlichen Gymnasium: In Berlin-Steglitz erlernen die Schüler im Fach „Digitale Welten“ gleich mehrere Kompetenzen mit einem Projekt – ob Handyhülle designen oder Roboter programmieren, Schritt für Schritt erarbeiten sich die Teenager digitale Kenntnisse und Fähigkeiten.

Während das andernorts längst Alltag in den Schulen ist, steckt die Digitalisierung der Bildung in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Der Digitalpakt von Bund und Ländern, den die ehemalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) im Oktober 2016 angekündigt hatte und mit dem die IT-Infrastruktur in den deutschen Schulen mit fünf Milliarden Euro unterstützt werden sollte, ist bislang noch immer nicht ins Werk gesetzt. Die neue Koalition hat zwar angekündigt, an dem Projekt festhalten zu wollen und mit Dorothee Bär eine Digitalministerin im Kanzleramt installiert („Schüler brauchen heute vor allem drei Dinge: ein Tablet, ihre Sportsachen und das Schulbrot.“). Doch wann genau es endlich mit konkreten Maßnahmen losgehen soll, ist weiterhin unklar. Um die Digitalausstattung der Schulen zu verbessern, sind in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro vorgesehen, und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek verkündete, immerhin, dass es eine „erste Verständigung“ mit den Ländern gebe, wie der Digitalpakt organisiert werden könne. Diese Verständigung ist allerdings auch schon etwas älter – sie stammt aus dem Sommer 2017 und besagt folgende Arbeitsteilung: Der Bund gibt seine Unterstützung für die technische Ausstattung der Schulen, die Länder wollen sich um Lehrerfortbildung und Lerninhalte kümmern.
Und so müssen Lehrende und Lernende in Deutschland in Sachen digitale Bildung weiter improvisieren und individuell improvisieren. Glücklicherweise sind Engagement und Motivation vielerorts sehr hoch, so dass es bereits zahlreiche Best Practice Beispiele zwischen Flensburg und Garmisch gibt.

Best Practice am altsprachlichen Gymnasium

Nur ein Leuchtturm: Das Berliner altsprachliche Gymnasium Steglitz. Es gilt bundesweit als eine der Vorreiterschulen beim Einsatz moderner Medien im Unterricht. Mit Hands-on-Mentalität und der nötigen Portion Gelassenheit werden hier Computer, Tablets und Smartphones in den Unterricht integriert. Die ersten Resultate überzeugen Schüler, Lehrer, Schulleitung und Eltern. „Wir können uns als Schule dem gesellschaftlichen Wandel nicht entziehen“, sagt Vizerektor Harald Rehnert. „Die Lebenswelt der Schüler muss in den Unterricht übertragen werden.“ Informatik, selbstverständlich im Fächerkanon des Gymnasiums enthalten, „spricht ja nur eine sehr spezielle Klientel unserer Schüler an.“ Die anderen Jugendlichen würden davon aber nicht abgeholt. „Und deswegen wollten wir dort eine Brücke bauen, die mehr auf die Bedürfnisse der Schüler abzielt.“ Ziel sei es, Computer im normalen Unterricht einzusetzen. „Wir lassen die Schüler beispielsweise Videos mit dem Lerninhalt zusammenschneiden oder fragen das Wissen der Schüler mit einem Quiz ab. Das geht in beinahe jedem Fach.“ Schulleiterin Antje Lükemann erinnert sich, wie die Digitalisierung vor ein paar Jahren Einzug in die Klassenräume des altsprachlichen Gymnasiums hielt. Ein junger Lehrer habe den Stein ins Rollen gebracht, sagt sie. „Er und ein paar Kollegen haben uns vorgeschlagen, Tablets im Unterricht zu bestimmten Zwecken zu verwenden. Wir fanden die Idee klasse. So haben wir uns dann irgendwie drangehängt und die Geräte besorgt.“ 25 waren es an der Zahl, gerade genug für eine Klasse. Inzwischen reichten aber die Geräte nicht mehr aus, um den Bedarf zu decken. „Insbesondere im vergangenen Jahr ist die Nachfrage fast explodiert“, berichtet Lükemann. „Selbst, nachdem wir im Sommer einen weiteren Satz Tablets besorgt haben, sind sie praktisch ausgebucht.“

Zahlreiche gute Apps für Bildungsbereich

Hauptgrund für den enormen Andrang in den vergangenen Monaten waren die vielen neuen Apps, also Programme, die inzwischen für den Bildungsbereich verfügbar sind – und von den Lehrern ohne große Einarbeitung genutzt werden können. „Selbst unerfahrene Kollegen haben ihre Bedenken revidiert“, betont Lükemann, „und setzen die Tablets mittlerweile in ihren Stunden ein.“
Seit diesem Schuljahr nimmt das Gymnasium zudem an einem Pilotprojekt des Berliner Senats teil: „Digitale Welten“ heißt das neue Schulfach, das Lehrer aus verschiedenen Berliner Schulen zusammen mit der Technischen Universität entworfen haben. Ziel des Lehrplans ist es, die Schüler an neue relevante Technologien heranzuführen. Zugleich sollen aber auch Chancen und Risiken der digitalen Welt erörtert werden. Schulleiterin Lükemann ist von dem Fach überzeugt: „Das hilft vielen unserer Schüler, reflektierte Positionen zu den technischen Möglichkeiten zu beziehen.“ Auch die Eltern begrüßen das digitale Engagement der Schule.

Digitale Welten: Vom Entwurf zum Objekt

Elias ist ein Designer für Handyhüllen. Zumindest sieht der Entwurf, den der Elftklässler im Zusatzkurs „Digitale Welten“ entworfen hat, auf dem Bildschirm marktreif aus. „Das würde jetzt ziemlich genau auf mein eigenes Smartphone passen“, sagt er und dreht mit einer Mausbewegung die virtuelle Hülle um ihre Längsachse. Schlank, schwarz und schlicht, mit Aussparungen für Display, Kamera und diverse Knöpfe. „Das könnte ich jetzt ausdrucken und hätte mir zehn Euro gespart“, grinst Elias, während er sich vom Bildschirm wegdreht und zur anderen Seite des Computerraumes zeigt. Dort steht der ganze Stolz des Gymnasiums Steglitz: ein nagelneuer 3D-Drucker. Selbst konservativere Prognosen gehen davon aus, dass der 3D-Drucker ähnliche Verwerfungen in der Industrie nach sich ziehen wird wie der Computer im Dienstleistungsgewerbe. „Umso wichtiger, dass wir hier vorne mit dabei sind“, betont Vize-Rektor Rehnert. Er hält eine Plastikschraube in der Hand und drillt eine Mutter drauf, bis zum Anschlag. Beide Teile sind aus Kunststoff mit dem 3D-Printer gedruck – passt. Vor Kinderkrankheiten ist die neue Technikgeneration natürlich auch nicht gefeit – davon kann Lehrerin Gabriele Ledworusky ein Liedchen singen. „Als eine Düse des Printers nicht mehr wollte, haben wir geschlagene vier Stunden vor dem Gerät gekniet und daran herumgedoktert“, stöhnt sie. Zusammen mit den Fortbildungen sowie der aufwendigen Vor- und Nachbereitung des Unterrichts komme da schon einiges an zusätzlichen Stunden zusammen. „Und diesen Aufwand bekommt man natürlich nur zum Teil bezahlt“, sagt Ledworusky. Insgesamt ist sie aber dennoch zufrieden. „Durch die sehr kompetenten Weiterbildungen an der Technischen Universität hier in Berlin haben wir sowohl die technische Komponente als auch die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der digitalen Medien nähergebracht bekommen“, betont sie. „Gerade was das Unterrichtskonzept anbetrifft, waren die Kurse an der TU Gold wert.“ Dass der Aufwand sich lohnt, beweisen die Zahlen: Rund die Hälfte der elften Jahrgangsstufe hat sich für den Zusatzkurs „Digitale Welten“ angemeldet. Für ein Wahlfach ein absoluter Spitzenwert. Und auch sonst kann Lehrerin Ledworusky fast nur Positives über den Kurs berichten. „Die Schüler setzen sich ganz anders mit den Themen auseinander und lernen mehrere Kompetenzen gleichzeitig.“ Aktiver und kreativer sei der Umgang mit den Inhalten, betont Harald Rehnert. „Die anfänglichen Befürchtungen, die es ja bei solchen Pilotprojekten oft gibt, haben sich nicht bewahrheitet.“ Die Jugendlichen würden durch die Tablets nicht im Unterricht abgelenkt und sie nutzten ihre Handys außerhalb des Unterrichts dadurch nicht häufiger. „Weniger geworden ist es allerdings auch nicht“, fügt Schulleiterin Lükemann an und lacht. Wichtig sei es, dass die digitalen Medien durchdacht im Unterricht eingesetzt werden.

Klares Konzept: Technik und Medienbildung

Von der einfordernden in die helfende Rolle: „Digitale Welten“-Lehrerin Gabriele Ledworusky begrüßt die Team-Atmosphäre, die die Arbeit mit der neuen Technik mit sich bringt.

„Wir verfolgen hier ein klares Konzept. In der fünften Klasse fangen wir mit kleinen Aufgaben und einem geringen Umfang an“, zählt sie auf. „Für Siebtklässler haben wir das Fach ITG entworfen, eine abgespeckte Version der Informatik. Und in der neunten Klasse ist Informatik dann Pflichtfach.“ Alle diese Fächer würden dabei helfen, so Harald Rehnert, dass die Kinder für die heutige Mediennutzung fit gemacht werden. „Die Digitalisierung ist uns inzwischen in so vielen Bereichen behilflich, aber was gibt man für diese Hilfe preis? Was bekommen die Anbieter dafür und wie funktioniert das Geschäftsmodell?“ Um diese Fragen noch intensiver zu beleuchten, will die Schule im kommenden Jahr zusätzlich das Pflichtfach Medienbildung ab der fünften Klasse einführen. Dafür benötige die Schule aber zwingend ein schnelleres Internet, betont Rehnert. Die Leitung gebe nur 4 Megabit pro Sekunde her, es sollten aber mindestens 16 sein.
Lehrerin Gabriele Ledworusky werkelt in den „Digitalen Welten“ unterdessen weiter mit ihren Schülern an Schaltkreisen und Programmen – gemeinsam, das ist auffallend. „Das ist einfach ein völlig neues Fach mit neuen Inhalten und mit einer neuen technischen Komponente“, sagt sie. „Darum ist hier auch jedem klar, dass selbst die Lehrerin nicht alles wissen kann.“ Das Verhältnis zwischen Lehrkraft und Schülern wandele sich mit den neuen Medien ohnehin: Die Lehrer können, durch die technischen Hilfsmittel, vielmehr von einer einfordernden Position in eine helfende Rolle wechseln. „In unserer Klasse helfen wir uns gegenseitig, wenn jemand nicht weiter weiß“, so die Lehrerin. Und auch die Schüler scheinen die positiven Effekte des neuen Kurses zu genießen. Die Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsfach: „Digitale Welten. Das ist wie Kunst am Computer.“

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