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Bonn: Eine Stadtverwaltung lebt Europa

Nice to work with you!

Von Britta Ibald

Von Gibraltar im Süden Europas bis Reykjavik im hohen Norden – unter dem Motto „Nice to work with you!“ haben seit 2013 schon über 250 Beschäftigte aus Bonn in mehr als 30 europäischen Stadtverwaltungen in 24 Staaten hospitiert und mitgearbeitet. Die EU fördert das Berufsbildungsprogramm über Erasmus+.

Diplom-Ingenieur David Baier vom Bonner Amt für Stadtgrün lernt während eines Praktikums bei seinen italienischen Kolleginnen und Kollegen in Bozen Gärtnerin Hillary aus Großbritannien kennen – auch sie gehört zum Team in der Stadt in Südtirol und ist Expertin für Urban Gardening. David Baier ist so überzeugt von diesem Konzept, dass er Hillary nach Bonn einlädt, um der eigenen Verwaltung diese besondere Variante des städtischen Grüns näherzubringen. Mittlerweile ist Urban Gardening auch in Bonn etabliert und erfreut sich größter Beliebtheit. Eine konstruierte Geschichte? Nein. Gelebtes Europa. So und ähnlich bereits hundertfach geschehen im Rahmen des Europa-Praktikums der Bonner Stadtverwaltung. Unter dem Motto „Nice to work with you!“ haben seit 2013 schon über 250 Beschäftigte in mehr als 30 europäischen Stadtverwaltungen in 24 Staaten hospitiert und mitgearbeitet. Die EU fördert das Berufsbildungsprogramm über Erasmus+.

2013 stellt Bonns damaliger Personaldezernent und heutiger Stadtdirektor Wolfgang Fuchs die Weichen in Richtung Europa: „Wir sind Europäer und sehen unsere Kolleginnen und Kollegen aus den Nachbarländern ebenso. Durch europäischen Erfahrungsaustausch können neue Ideen und Handlungsweisen kennengelernt werden, die uns bei der täglichen Arbeit weiterhelfen“, formuliert Fuchs seinerzeit in einem Brief an alle Amtsleitungen und wirbt um einen verstärkten Austausch. Seitdem werden jährlich Dutzende Freiwillige aus Bonner Behörden und Betrieben für eine längere Zeit in ein europäisches Partner-Rathaus geschickt, um dort zu arbeiten, zu lernen, sich auszutauschen. „Nice to work with you!“ – mit seiner systematischen und kontinuierlichen Umsetzung gilt das Europa-Praktikum der Bundesstadt als deutschlandweit einmalig. Beim jüngsten traditionellen Europa-Abend der Stadtverwaltung, zu dem sich alle Ehemaligen und Interessierten im Innenhof des Alten Rathauses treffen, bilanziert Fuchs im Spätsommer 2018: „Das ist eine klassische Win-Win-Situation. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickeln sich durch den Europa-Austausch noch ein Stück weiter. Wir werden auch in vielen, vielen Jahren den Ertrag davon spüren und sehen, weil sich die Menschen eben viel besser auf andere Kulturen einstimmen können und so einen großen Wert für die Verwaltung haben.“

2013 stellte Bonns damaliger Personaldezernent und heutiger Stadtdirektor Wolfgang Fuchs (2.v.r.) die Weichen in Richtung Europa. Heute begrüßt er bei den Europäischen Abenden regelmäßig Kolleginnen und Kollegen, die von ihren Besuchen in anderen europäischen Verwaltungen und Behörden berichten.
„Von jedem einzelnen Europa-Praktikum profitieren ganz viele Menschen“, sagen Ralf Bockshecker, Abteilungsleiter im Personal- und Organisationsamt (r.), und Europa-Koordinator Hans Jürgen Hartmann vom Amt für Stadtförderung.

Von Antalya bis Turku: Arbeit und Austausch

Über 30 Partnerstädte wie etwa Antalya, Barcelona, Graz, Klausenburg (Cluj-Napoca, Rumänien), Nikosia, Oxford, Reykjavik, Skopje, Tallinn, Turku oder Vicenza kooperieren mittlerweile mit der Metropole im Rheinland und schicken umgekehrt auch ihre Beschäftigten zum Hospitieren nach Bonn. Der Austausch ist in sämtlichen Bereichen der städtischen Verwaltung möglich – Feuerwehrleute, Rettungskräfte, Erzieherinnen und Erzieher, Pflegerinnen und Pfleger, Grünarbeiter und Verwaltungsmitarbeiter aus Bonn schwärmen jedes Jahr aus, um sich im EU-Ausland schlau zu machen.
„Im Interesse der Bürgerinnen und Bürger entsteht so ein kontinuierlicher Erfahrungsaustausch zwischen europäischen Kommunen, der einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung aktueller und künftiger Herausforderungen leistet“, erklärt Ralf Bockshecker, Abteilungsleiter im Personal- und Organisationsamt. Zugleich stärke die Stadt Bonn durch die Möglichkeit des Europa-Praktikums die interkulturelle Kompetenz ihrer Beschäftigten – schließlich ist die Stadt schon alleine durch den Sitz der Vereinten Nationen und von Global Playern wie Deutsche Post DHL und Telekom international geprägt und auch in der Verwaltung entsprechend gefordert.

Delegationsreisen zu ausgewählten Fachthemen

Neben „Nice to work with you!“ bietet die Stadt ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den europäischen Austausch auch in Form von fachlich orientierten Gruppen-Hospitanzen an: Bei „EurOpen“ werden fachbezogene und gruppenorientierte Aufenthalte zu Themen organisiert, beispielsweise zu Inklusion, Digitalisierung oder Bürgerservice. Im Vordergrund der Delegationsaufenthalte steht, für die kommunale Praxis relevante Themen auszuarbeiten – „so erhalten beide Städte einen nachhaltigen Nutzen von dem Programm“, erläutert Bockshecker. So nahmen die Bonner zum Beispiel schon mehrfach die Inklusionsarbeit in Vicenza in Augenschein, ebenso das Maßstäbe setzende estnische E-Gouvernement in Tallinn. Auch der Austausch über die Unterschiede der Ausbildungssysteme im österreichischen Graz bot bereits interessante Einblicke, in Kopenhagen machte man sich in Sachen Fahrradverkehrsinfrastruktur kundig.

 
     
Gemeinsam arbeiten: In Skopje bauen Beschäftigte aus Bonn gemeinsam mit ihren mazedonischen Kolleginnen und Kollegen einen Barfuß-Pfad. Malick Bah (2.v.l.), ein Flüchtling aus Afrika, der bei der Stadt Bonn eine Ausbildung zum Straßenbauer gemacht hat, pflastert Seite an Seite mit dem einheimischen Team.

„Europa-Praktikanten sind Botschafter“

Organisatorisch angesiedelt sind Bonns Europa-Praktika im Referat Stadtförderung. Referent Hans Jürgen Hartmann und sein Team bilden quasi das logistische Rückgrat der Erasmus+-Projekte, kümmern sich um Fördergelder, Partnerschaften und letztlich natürlich auch die Einsatzplanung und -koordination. Teilnehmen dürfen alle Interessierten aus der gesamten Stadtverwaltung und den kommunalen Betrieben. An-, Abreise und Unterkunft müssen von den Europa-Praktikanten bei „Nice to work with you!“ in Eigenregie organisiert werden, die Gruppenreisen-Logistik übernimmt das Amt. Just zur Stunde, so berichtet Hartmann, finde in Skopje, Nord-Mazedonien, im Beisein der Kulturreferentin des deutschen Botschafters und des Leiters des Bonner Grünflächenamtes die Einweihung eines Barfußpfades statt, den eine Gruppe von Azubis aus dem technischen Dienst der Stadt Bonn in den letzten Tagen gemeinsam mit den mazedonischen Kollegen angelegt hat. „Europa-Praktikanten sind keine Touristen, sie sind Botschafter, die zusehen, zuhören, sich austauschen und natürlich für ihre Heimat sprechen und werben“, stellt Hans Jürgen Hartmann klar. „Bei den Aufenthalten, meist zwischen drei Wochen und maximal drei Monaten, wird kollegiale Zusammenarbeit praktiziert, und die Betonung liegt selbstverständlich auf Arbeit.“ Im Rahmen der „job shadowings“ sammelten die Kolleginnen und Kollegen wertvolle praktische Erfahrungen, die sie dann in obligatorischen Berichten und Präsentationen in der Heimatdienststelle vortragen und teilen – untereinander, vor Führungskräften und in lockeren Formaten wie dem regelmäßigen „Europa-Kaffee“, das fester Bestandteil der interkulturellen Bildung der Bonner Verwaltung ist und natürlich interessierten Beschäftigten, die auch mal einen Blick auf die „andere“ Seite werfen möchten, als Informationsplattform dient. „So profitieren sehr viele von jedem einzelnen Europa-Praktikum“, sagt Hans Jürgen Hartmann. „Eine Stadtverwaltung, deren Beschäftigte sich im Ausland selber schlau machen und von den Erfahrungen anderer profitieren, kann sich oft Gutachter und Berater sparen“, erklärt Hartmann. Und noch nie sei es vorgekommen, dass eine Praktikantin oder ein Praktikant nicht „mit ganzem Herzen und voller Begeisterung für Europa“ wieder nach Hause gekommen sei. Auch eine „gewisse Erdung“ sei zu beobachten, weiß Hartmann zu berichten, insbesondere bei jenen, die sich auf den Weg Richtung Osteuropa machten, wo Einkommen, Arbeitsbedingungen und Lebensstandards allgemein noch lange nicht auf dem gesamteuropäischen Niveau angelangt seien. „Wenn uns das dienstliche Reisen auch ein wenig Demut und Verständnis lehrt gegenüber den Verhältnissen, in denen andere, als Kolleginnen und Kollegen leben und arbeiten, und Wertschätzung schafft für das, was man selbst hat“, sagt Hartmann, „ist das ganz sicher auch ein persönlicher Gewinn.“ Für alle, die die Bonner Verwaltung auch einmal für ein Praktikum bei den europäischen Nachbarn verlassen wollen, hat der Koordinator der Stadtförderung gute Nachrichten: Der Europa-Austausch wird mindestens bis 2020 fortgesetzt. Und so werden weitere Bonner Stadtbeschäftigte ausziehen, um sich in Städten der ganzen EU schlau zu machen und mit einem Herzen voller Erfahrungen, Einblicke und Erlebnisse zurückzukehren, von denen sie dann mit strahlenden Augen berichten.

 
     
„Als Fremder gekommen, als Freund gegangen”: Stadtgärtner Jörg Dahmen hospitierte einen Monat lang bei den Kolleginnen und Kollegen auf Madeira.

Klimawandel und digitale Verwaltung

So wie Jörg Dahmen. „Eigentlich dachte ich ja erst, ich bin viel zu alt für ein Praktikum“, erinnert sich der Stadtgärtner und Ausbilder. Aber bestärkt von Kollegen und Vorgesetzten, gab er sich schließlich einen Ruck – denn groß war sein Interesse herauszufinden, wie die Stadtgärtner in den wärmeren Gefilden Europas arbeiten und mit den Auswirkungen des Klimawandels umgehen – Hitze, Trockenheit, Dürre, Stürme: „Das kommt schließlich alles auch auf uns hier zu, da muss man sich nichts vormachen“, erklärt Dahmen seine Motivation. Und so landete der Bonner Stadtgärtner schließlich eines schönen Tages vor zwei Jahren auf der portugiesischen Insel Madeira im Atlantischen Ozean. „Als Fremder gekommen und einen Monat später als Freund gegangen“, fasst Dahmen seinen Arbeitsbesuch zusammen. „Zwischendurch habe ich natürlich total viel gearbeitet, gesehen und gelernt – Pflanzenarten, nächtlicher Baumschnitt, Boden-Erosion, weil immer mehr Farmer in den Tourismus gehen und sich nicht mehr um die landwirtschaftlichen Flächen kümmern, wie Madeiras Verwaltung darauf reagiert, wachsende Waldbrandgefahr – das war und ist alles absolut spannend“, berichtet der Gärtner. Zwischenzeitlich gab es in Bonn bereits einen Gegenbesuch aus Madeira, und auch über den Beruf hinaus bleib Dahmen der Insel freundschaftlich verbunden. Kollegin Kimberly Lausch, Auszubildende zur Verwaltungsfachangestellten, hat ihren nächsten, dann privaten Besuch im österreichischen Graz auch schon fest im Blick: „Da gibt es viel zu viel, was ich mir noch anschauen und erleben muss“, sagt sie lachend, die zwei Wochen im Rathaus fand sie viel zu kurz. Ausreichend allerdings um festzustellen, „dass die Grazer in Sachen E-Akte und E-Rechnung schon deutlich weiter sind als wir“, nickt Lausch anerkennend. Einiges vermitteln konnte sie den österreichischen Kolleginnen und Kollegen indes in Sachen Ausbildung. Vor Ort habe man derzeit definitiv Probleme bei der Nachwuchsgewinnung und überlege, wie man an mehr Auszubildende kommen könne. „Ich habe ihnen dann unsere Nachwuchskampagne ‚Bonn macht Karriere‘ vorgestellt, die die Kolleginnen und Kollegen scheinbar sehr überzeugt hat, sie wollen jetzt etwas Ähnliches andenken“, berichtet die junge Auszubildende. Auch, dass im deutschen öffentlichen Dienst so spezialisiert ausgebildet werde, hielten die Österreicher für ein überzeugendes Modell, da dies die Beschäftigten in die Tiefe spezialisiere und im positiven Sinne auch längerfristig an den Staatsdienst binde, erläutert Lausch den Input, den sie den österreichischen Kolleginnen und Kollegen mit ihren Informationen geben konnte.

Viel gesehen, viel gelernt: Die Bonner Europa-Praktikantinnen Kirsten Bülles (Graz, Reykjavik, Vicenza), Kimberly Lausch (Graz) und Jana Deigraf (Reykjavik) sind große Fans des Europa-Austauschs ihrer Stadtverwaltung (v.l.).

Dienst-„Du“, Fika und reichlich Bewegung

Ende gut, alles gut, hieß es bei Lara Krahnkes Praktikum im schwedischen Götene 2017. Sechs Wochen lang versuchte sie in ihrer Freizeit, einen Elch in freier Wildbahn zu sehen, gemeinsam mit ihrer Gastfamilie machte sie sich sogar nachts auf die Pirsch nach dem Nationaltier – erfolglos. Doch am letzten Tag, als ihr Gastvater sie frühmorgens um fünf Uhr zum Bahnhof fuhr, „lag er auf einmal da auf der Wiese, direkt an der Straße“, erinnert sich die Verwaltungsfachangestellte lächelnd. „Das war ein toller Abschluss einer tollen Reise“, die für die junge Bonnerin mit der Frage endete, „ob ich nicht vielleicht doch schon immer Schwedin war?“, erklärt sie schmunzelnd. Besonders beeindruckt hat Krahnke die Zufriedenheit der schwedischen Kolleginnen und Kollegen: „Sie gehen durchweg alle gerne zur Arbeit, habe ich in einer Umfrage ermittelt. Viele von ihnen fanden schon die Frage danach sehr seltsam – es ist selbstverständlich für sie, dass sie gerne in ihrem Team sind und zusammenarbeiten.“ Für das Team-Building tun die Schweden auch viel, einen Team-Entwicklungstag bei der Abteilung für Wirtschaftsförderung durfte Krahnke sogar miterleben und war beeindruckt, „wie tiefgehend und ernsthaft man dieses Thema in Götene angeht“.
Auch jenseits der Arbeit war Lara Krahnke viel mit ihren schwedischen Kolleginnen und Kollegen unterwegs, oft hatte sie sogar mehrere Einladungen gleichzeitig. „Das war einfach toll, als wäre ich schon immer da und Teil des Teams gewesen“, berichtet Krahnke. „Das ist dann zwar auf dem Papier Arbeit 24/7, fühlt sich aber bei Weitem nicht so an.“ Daher war die Freude groß, als fünf Kolleginnen und Kollegen aus Schweden zum Gegenbesuch in der Bonner Stadtverwaltung anreisten – und dafür sorgten, dass dort mittlerweile auch jeder weiß, was „Fika“ ist: Die schwedische Tradition des Kaffeetrinkens, eine soziale Institution, die für keinen Schweden wegzudenken ist, ausdrücklich auch nicht vom Arbeitsplatz, wo man sich mitunter mehrmals täglich zum Fika trifft und anstehende Dinge bespricht. Lara Krahnke: „Das ist jetzt nicht so, dass da Dauerpause gemacht wird. Im Gegenteil: Dabei werden genauso Aufgaben erledigt und Probleme gelöst wie am Schreibtisch, aber eben in einer anderen, lockereren Atmosphäre. Das tut einfach gut, auch mal so zu arbeiten, und es wäre sicherlich förderlich, wenn wir uns diese Möglichkeit, uns zwischendurch einfach mal locker zu machen, auch hier ein bisschen zu eigen machen könnten“, empfiehlt die Schweden-Praktikantin. Zwischenzeitlich war Lara Krahnke übrigens erneut, diesmal privat, in Schweden, um gemeinsam mit ihren „Zweit-Kollegen“ Mitsommer zu feiern. „Die Verbundenheit ist nach wie vor da, das ist wunderschön“, freut sich die junge Frau.

   

Beste Erinnerungen an Europas hohen Norden hat auch Jana Deigraf, die während ihrer Ausbildung ein Praktikum in Islands Hauptstadt Reykjavik absolvierte. Auch hier geht es „ausgesprochen locker“ zu, wie in Schweden herrscht striktes Dienst-„Du“, und als die Kolleginnen und Kollegen in Jana Deigrafs Team zum ersten mal alle aufsprangen und losturnten, als einer sagte „Kommt, wir bewegen uns mal!“, staunte die damalige Bonner Auszubildende Bauklötze: „Wahnsinn, wie die das mit dem bewegten Arbeitsplatz verinnerlicht haben und umsetzen! Da geniert sich keiner, alle machen sofort anstandslos mit“, zeigt sie sich noch heute schwer beeindruckt. Auch zwischendurch, wenn man mal „einen Hänger“ habe, eine Runde um den Block zu laufen, sei überhaupt kein Problem – „und das zählt dort selbstverständlich zur Arbeitszeit“. Mit völlig neuen Augen sieht Jana Deigraf seit ihrem Island-Aufenthalt das Ausbildungssystem des deutschen öffentlichen Dienstes: „Das ist schon gut und professionell, wie wir das hier machen, Spezialisten für den Staatsdienst – darum beneiden uns die Isländer“, weiß Deigraf heute. Dort sei es gängige Praxis, dass man zunächst „irgendwas“ studiere und anschließend in den öffentlichen Dienst gehe. „Da muss man sich dann natürlich in Sachen Verwaltungsfunktionalitäten und -recht noch Einiges draufpacken, was wir bereits während der Ausbildung lernen. Deswegen haben die Isländer auch große Sympathie für unsere Personalarbeit.“ Auch die Mitbestimmungsregelungen seien in Deutschland viel ausgeprägter und beschäftigtenfreundlicher als in Island, weiß Deigraf zu berichten, „von wegen, dass da in Bewerbungsgesprächen immer ein Personalvertreter sitzt, dass Betriebs- oder Personalrat einer Einstellung oder Kündigung zustimmen müssen – da haben wir hier bedeutend mehr Rechte.“ Jederzeit würde Deigraf wieder ein Europa-Praktikum machen: „Es ist unbezahlbar, was man da an Begegnungen und Aha-Effekten hat.“ Und die Sprache? Jana Deigraf winkt lachend ab: „Englisch geht immer, manchmal sogar ein bisschen Deutsch, aber in der größten Not hilft dann immer der Übersetzer auf dem Handy – alles gar kein Problem heutzutage.“

 
     
„Metborgarkontor“ heißt Bürgeramt: Lara Krahnke arbeitete im schwedischen Götene und war vor allem von der dortigen Teamkultur sehr angetan.

Von Mensch zu Mensch: „Wir alle sind Europa“

Um sprachlich warm zu werden, brauchte Kirsten Bülles bei ihrem ersten Europa-Praktikum in der Steiermark schon ein wenig, erinnert sie sich schmunzelnd, gleichwohl sei es eine „großartige Erfahrung“ gewesen, aus der sich zudem über Jahre währende Freundschaften mit regelmäßigen Besuchen und gemeinsamen Urlauben entwickelt hätten. Und weil Bülles so zur regelrechten Europa-Euphorikerin wurde, machte sie sich – auch das erlaubt die Europa-Austausch-Politik der Stadtverwaltung – bereits ein zweites und drittes Mal auf in ein EU-Nachbarland: Wie Jana Deigraf hospitierte sie in Reykjavik und zuletzt, im November 2018, ging es im Rahmen von „EurOpen“ gemeinsam mit Bonnerinnen und Bonnern aus dem Sozialamt, dem Ausländeramt, dem Sozialen Dienst und dem Schulamt in die italienische Provinz Veneto nach Vicenza. Thema: Inklusion. Neben intensiven Gesprächen mit der Sozialverwaltung sowie verschiedenen Trägern bekamen Bülles und ihre Kolleginnen und Kollegen Einblick in die Arbeit der sozialen Einrichtungen vor Ort, etwa Kitas, Flüchtlingsunterkünfte, Behindertenwerkstätten oder Frauenhäuser. „Das war volles Programm, ein wahnsinniger Input“, erinnert sich Bülles, die selbst Sozialpädagogin ist und beim Internen Sozialen Dienst der Bonner Stadtverwaltung arbeitet. „Im Vergleich der Sozialsysteme fällt auf, dass in Italien die soziale Unterstützung sehr stark auf das ehrenamtliche und gesellschaftliche Engagement aufbaut, während es in Deutschland als kommunale Pflichtaufgabe formuliert ist“, berichtet Bülles. Vielfach seien soziale Probleme in Italien bisher vor allem durch die Familien aufgefangen worden, doch aktuell befände sich dieses Modell im Umbruch: „Die Familienbasis bricht immer mehr weg, so dass sich das italienische Sozialsystem mit neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. Es war schön zu erleben, wie wissbegierig die italienischen Kollegen in diesem Zusammenhang mit Blick auf unser Sozialsystem waren, und gleichzeitig spannend für uns, welche Modelle sie für die Zukunft in Betracht ziehen und entwickeln.“ Natürlich seien die EU-Praktika und „EurOpen“-Hospitationen stets auch politische Besuche, sagt Bülles. „Nicht, dass wir da mit wehenden Fahnen auftreten und unsere Meinung rausposaunen. Es sind vielmehr die Gespräche, die man dann zwischendurch oder etwa beim Abendessen führt. Da geht es zwangsläufig um die aktuellen politischen Entwicklungen allgemein und im jeweiligen Land – Europa ist unser aller Thema.“ Und es sei „gelebte Vielfalt, wenn dann da Italiener und Deutsche über die Flüchtlingspolitik der EU diskutieren und durchaus auch streiten. Na klar gibt es da mitunter sehr unterschiedliche Meinungen, aber wir halten das als Menschen, als Kollegen aus und trinken trotzdem unseren Wein zusammen. Das entzweit uns nicht, sondern stärkt uns und unseren Zusammenhalt“, erklärt Bülles die „Tiefenwirkung“, die der bilaterale Austausch auf Arbeitsebene entfalten kann. Gerne erinnert sie sich an ihr erstes EU-Praktikum in Graz zurück, an eine Situation, die für sie exemplarisch den Wert des europaweiten Dialogs im Wege der gegenseitigen Praktika und Austausche deutlich macht: Nach einem Festakt zum 70-jährigen Ende des Zweiten Weltkriegs stand Bülles in Graz mit Bürgermeister Siegfried Nagl beim Small Talk über den EU-Austausch zusammen. „Der Bürgermeister zeigte auf sich und mich und alle anderen Leute im Raum und sagte: Das hier ist Europa, Frau Bülles. Sie und ich, und all die Menschen hier.“ Bülles: „Das heißt, wir müssen zusammenkommen, aufeinander zugehen, uns miteinander beschäftigen. Als Menschen, als Kollegen. Wenn wir wissen, wer Europa ist, verstehen wir auch, was Europa wirklich heißt und welche Chancen es uns bietet.“

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