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Resozialisierungs-Experte Bernd Maelicke

Das „Knast-Dilemma“

Mehr Bewährungshilfe, weniger Wegsperren: „Intensivbetreuung im Sinne von ambulanter Hilfe und Kontrolle trägt am meisten zur Reduzierung weiterer Straftaten bei – nicht hinter Mauern, sondern in den alltäglichen gesellschaftlichen Zusammenhängen, in denen Kriminalität entsteht, aber auch vermieden werden kann“, sagt Resozialisierungs-Experte Bernd Maelicke.

Bernd Maelicke, renommierter Experte auf dem Gebiet der Kriminal- und Sozialpolitik, positioniert sich seit Jahren entschieden als Gegner populärer Forderungen nach größerer Härte im Umgang mit Straftätern. Auf Basis langjähriger Erfahrungen und zahlreicher biografischer Fallbeispiele zeigt er das dramatische Missverständnis im deutschen Strafvollzug: Der Freiheitsentzug resozialisiert nicht, die Einflüsse der Gefängnis-Subkultur dominieren. Bei den meisten Straffälligen, insbesondere jungen, verspricht nicht Wegsperren Erfolg, sondern allein verlässliche soziale Beziehungen. t@cker sprach mit Bernd Maelicke über das „Knast-Dilemma“ und seine Lösungsvorschläge.

t@cker: Herr Maelicke, Sie beklagen seit Jahren das „Knast-Dilemma“ – was läuft falsch im Justizvollzug?

Bernd Maelicke: Das Knast-Dilemma liegt darin, dass in der Männerwelt hinter Mauern nicht wirklich resozialisiert werden kann. Die negativen Einflüsse der Subkultur dominieren dort den Alltag, also Gewalt, Drogen, sexueller Missbrauch. Trotz aller Reformen bleiben die Rückfallquoten ziemlich konstant. Hinzu kommt das steigende Sicherheitsbedürfnis der Bürger. Und solange jemand weggesperrt ist, kann er draußen keine Straftaten begehen.

t@cker: Wie sähe Ihre Reformagenda aus?

Bernd Maelicke: Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs über eine rationale und wirkungsorientierte Kriminalpolitik. Dann würden in den Gefängnissen nur die wirklich gefährlichen Täter und solche mit Kapitalverbrechen inhaftiert und intensiv behandelt werden. Die Mehrzahl der Gefangenen verbüßt Freiheitsstrafen unter einem Jahr, darunter Ersatz-Freiheitsstrafer wie Schwarzfahrer oder „Eierdiebe“. Hier sind ambulante Programme viel wirksamer, diese Menschen brauchen soziale Hilfen und auch soziale Kontrolle, zum Beispiel durch Bewährungshelfer – deren Erfolgsquoten sind doppelt so hoch wie die des Strafvollzugs. In den 16 Bundesländern brauchen wir neben den Vollzugsgesetzen neue Landes-Resozialisierungsgesetze, damit die ambulanten Hilfen und Maßnahmen die gleiche Wertigkeit wie der Strafvollzug bekommen – mit entsprechenden Aufgabendefinitionen, effizienten Organisationsstrukturen und guter personeller und finanzieller Ausstattung – die Fallzahlen der Bewährungshilfe sind z.B. in Deutschland viel zu hoch. Und wir müssen freie Träger der Straffälligenhilfe besser fördern. Sie erfüllen wichtige Brückenfunktionen bei der Integration in die Gesellschaft.

Prof. Dr. Bernd Maelicke ist Jurist und Sozialwissenschaftler und Gründungsdirektor des Deutschen Instituts für Sozialwirtschaft sowie Honorarprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg. Seit 1961 engagiert er sich ehren- und hauptamtlich in verschiedenen Projekten und Arbeitsfeldern der Resozialisierung tätig – in Praxis, Wissenschaft, Beratung und Politik. Mit seinem Bestseller „Das Knast-Dilemma: Wegsperren oder resozialisieren?“ verfasste Maelicke 2015 eine vielbeachtete Streitschrift über den deutschen Justizvollzug (C. Bertelsmann Verlag 2015, ISBN 978-3570102190). Soeben erschienen ist unter Herausgeberschaft von Bernd Maelicke und Stefan Suhling „Das Gefängnis auf dem Prüfstand. Zustand und Zukunft des Strafvollzugs“ (Springer, ISBN 978-3-658-20146-3).

t@cker: Keine Ersatz-Freiheitsstrafen mehr? Würde das nicht durchaus eine gewisse Bagatellisierung von Kriminalität bedeuten?

Bernd Maelicke: Es geht nicht um Bagatellisierung von Kriminalität – im Gegenteil, um eine Steigerung der Wirksamkeit von der Prävention bis zur lebenslangen Freiheitsstrafe und der Sicherungsverwahrung. Mit einem solchen Gesamtkonzept könnten vor allem die Rückfälle von Wiederholungs- und Intensivtätern verringert werden.

t@cker: Warum ist die Bewährungshilfe außerhalb des Vollzugs viel wichtiger für die Resozialisierung von Straftätern als der Vollzug selbst?

Bernd Maelicke: Zahlreiche Projekte von freien Trägern und der Bewährungshilfe haben nachgewiesen, dass Intensivbetreuung im Sinne von ambulanter Hilfe und Kontrolle am meisten zur Reduzierung weiterer Straftaten beiträgt – nicht hinter Mauern, sondern in den alltäglichen gesellschaftlichen
Zusammenhängen, in denen Kriminalität entsteht, aber auch vermieden werden kann. Dies kann natürlich die Justiz allein nicht schaffen, wir brauchen ressortübergreifende Kooperationsmodelle von Soziales, Bildung, Arbeit, Justiz – auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

t@cker: Qualität kostet – im Vollzug und vor allem in der Resozialisierung – man denke an das ganz Personal, was da zusätzlich eingesetzt werden müsste. Was könnte die öffentlichen Haushälter von einer Umstrukturierung überzeugen?

Bernd Maelicke: Die teuerste und am wenigstens wirksamste Lösung ist die des Strafvollzugs. Mit etwa vier bis fünf Milliarden Euro pro Jahr beansprucht er zurzeit rund 90 Prozent aller aufgewendeten Mittel, nur etwa acht Prozent fließen an die Sozialen Dienste der Justiz, circa zwei Prozent an die freien Träger. Es geht also nicht um mehr Geld im System, sondern um Umverteilung – Erfolgsfaktoren sind die Rückfallquoten und die öffentliche Sicherheit vor gefährlichen Gewalt- und Sexualtätern und Kapitalverbrechen. Ein gutes Beispiel ist Schleswig-Holstein: Hier werden im
Bundesvergleich nur halb so viele Gefangene inhaftiert, stattdessen wurden die ambulanten Programme massiv ausgebaut. Für die Bürger und die Politiker bedeutet dies weniger Kosten und weniger Rückfälle. Ende

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