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Standpunkte

„Digital Branding“ im Klassenzimmer

Mit günstigen Angeboten und Rund-um-Paketen treiben die großen Hard- und Softwarekonzerne die Digitalisierung der Bildung voran – nicht ganz uneigennützig.(Foto: © Google LLC)

Während die Digitalisierung „von Amts wegen“ an deutschen Schulen nur äußerst langsam und nach wie vor nur verbunden mit viel individueller Eigeninitiative der Lehrenden vorankommt, forcieren große Digital-Unternehmen die technologische Transformation im Bildungsbereich in Eigenregie: Google, Apple, Microsoft, Samsung und Co überbieten sich gegenseitig mit attraktiven Hard- und Softwareangeboten für eine digitale Unterrichtsgestaltung – bei aller lobenswerten und offiziell in Dauerschleife vorgetragenen guten Absicht sitzen im Klassenzimmer ja immerhin die Kunden von heute und morgen… t@cker hat sich umgeschaut und außerdem die Junglehrer-Verbände der dbb jugend nach ihrem Standpunkt in Sachen „Digital Branding“ gefragt.

Eine coole Technikfirma? Keine Sekunde muss Kyle nachdenken. „Google!“, schießt es aus dem Elfjährigen heraus, der die fünfte Klasse an einer New Yorker Grundschule besucht. Noch andere? „Äh, Apple. Ach ja, und Samsung.“ Und Microsoft? „Das sind die mit Windows?“ Die kleine Szene zeigt, dass das Engagement der großen Digitalkonzerne zumindest in den Vereinigten Staaten bereits Früchte trägt: Der Nachwuchs ist bestens informiert über die Marktführer der Digitalbranche – kein Wunder, betreiben die Konzerne doch seit Jahren flächendeckend ein ausgefeiltes Digital Branding in den Bildungseinrichtungen: Google beliefert US-Schulen mit ultragünstiger Hard- und Software (Google Laptops und G-Suite), um jungen Menschen „neue Lernhorizonte zu eröffnen“. Auch die Lehrer will der Konzern für sich gewinnen, sie werden gezielt eingeladen, an der Entwicklung lernunterstützender Programme mitzuarbeiten und sich in sogenannten Google-Erziehergruppen untereinander und mit dem Konzern auszutauschen – online und auf Partys. Mittlerweile kommen in den USA über 30 Millionen Kinder im Klassenzimmer oder bei den Hausaufgaben mit einem Programm aus dem Google-Bildungspaket in Berührung – mehr als jeder zweite Schüler zwischen fünf und 18 Jahren. Und auch die anderen Unternehmen – Apple, Samsung, Microsoft, drängen mit Macht in die Klassenzimmer.
Und auch in Deutschland ist das Digital Branding der großen Konzerne in vollem Gange. In dynamisch bebilderten Hochglanzbroschüren wirbt Samsung mit Best Practice-Eindrücken: „‘Effi Briest ist also nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern Fontane hat darin auch einiges an Gesellschaftskritik festgehalten.‘ Frau Trimborn, Deutschlehrerin der Klasse 10c, schiebt auf Ihrem Tablet den soeben behandelten Romanauszug beiseite und ergänzt auf der zuvor begonnenen Mind Map die Überschrift ‚Gesellschaftlicher Kontext‘. Hierfür nutzt sie einen Eingabestift (S Pen), mit dem sie direkt auf dem Display des Tablets schreibt. Das, was sie handschriftlich festhält, erscheint sowohl auf den Tablets der Schüler als auch auf dem Large Format Display neben ihr, das mit einem Touch Overlay ausgestattet als multifunktionale Tafel dient. Sie teilt die Klasse in zwei Arbeitsgruppen. Die erste wird gebeten, ihre GALAXY Note-Tablets zu nutzen, um das Beziehungsgeflecht zwischen Effi und den anderen Figuren in einem Schaubild zu skizzieren. Die andere Gruppe wird aufgefordert, den historischen Stoff zu recherchieren, auf dem Fontanes Geschichte basiert. Mit wenigen Handgriff en schaltet die Lehrerin über ihr Tablet die Internetnutzung auf den Handgeräten der zweiten Gruppe frei…“ Welchem Pädagogen, welchem Elternteil und, na klar, auch welchem Schüler würde bei einem solchen Unterricht nicht das Herz aufgehen? Samsung bietet quasi den Rundum-Service fürs digitale Lernen.

Schlaumäuse und Zukunftswerkstatt

Google beispielsweise bietet mit seiner Zukunftswerkstatt Bildungspakete für Digitales Lernen in allen Lebenslagen an – Schüler können in Kursen Roboter programmieren oder virtuelle Expeditionen mit dem Smartphone unternehmen. (Foto: © Google LLC)

„Besser lernen. Für alle!“ verspricht Microsoft, auch dieser Tech-Konzern engagiert sich in Deutschland mit zahlreichen Bildungsprojekten, wobei „für alle“ sehr ernst gemeint ist: Bereits Kindergartenkinder lernen die „Schlaumäuse“ kennen, die hierzulande seit 2003 bei der Förderung der Sprachkompetenz von Vorschulkindern mitwirken – mittels einer eigens dafür von Microsoft entwickelten Lernsoftware. Seit Kurzem sprechen die Schlaumäuse auch Englisch, Französisch und Arabisch.
Und Apple so? Hat gerade erst ein verbessertes Modell seines iPad-Tablets herausgebracht, um künftig noch stärker in Schulen präsent zu sein – für Bildungseinrichtungen gelten beim Preis selbstverständlich Sonderkonditionen. Dazu gibt es direkt die neue App „Schoolwork“, mit der Lehrer mit ihren Klassen digital arbeiten, Lernmaterial und Aufgaben verteilen und Lernfortschritte kontrollieren können. Mit dem Apple Pencil können Anmerkungen oder Zeichnungen in Texten und Bildern platziert werden, für kreative Aufgaben gibt es Programme zur Musik- und Videobearbeitung. Sogar Augmented-Reality-Anwendungen wie das virtuelle Sezieren eines Froschs sind möglich.
Google schließlich ist natürlich ebenfalls offensiv tätig uns startete vor einem Jahr mit seiner „Zukunftswerkstatt“ eine bundesweite Kampagne für digitale Bildung – nicht nur im Schulbereich, sondern im Sinne des lebenslangen Lernens mit maßgeschneiderten Modulen für alle Lebensabschnitte. Das Lehrangebot reicht von digitalem Marketing für den Mittelstand über Online-Fundraising für gemeinnützige Organisationen bis hin zu Programmierkursen für Schüler mit Hilfe des Microcontrollers Calliope mini, Roberta-Robotern sowie der vom Fraunhofer IAIS entwickelten Programmieroberfläche Open Roberta Lab. Ein weiteres Angebot für Schulen sind „Google Expeditions“: Das System besteht aus Virtual-Reality-Brillen („Cardboards“) für die Klassen und einem Steuerungs-Tablet für die Lehrer. Es ermöglicht „virtuelle Klassenfahrten“ an Orte wie die Hamburger Elbphilharmonie, den Mond oder sogar in das Innere des menschlichen Körpers. „Google Zukunftswerkstatt“ steht auf den coolen Kartonbrillen, durch die die Kinder auf die Smartphones schauen, natürlich sollen sie wissen, wer ihnen den virtuellen Spaß bringt.
Diese kurze und bei Weitem nicht vollständige Bestandsaufnahme zeigt, dass das Digital Branding längst in Deutschlands Klassenzimmern (und Kitas) angekommen ist. Die Initiativen sollen die Möglichkeiten des digitalen Lernens aufzeigen und dafür begeistern – soweit, so gut. Gleichzeitig ist nicht von der Hand zu weisen, dass hier auch direktes Marketing für das jeweilige Unternehmen betrieben wird. Hier für eine entsprechende Sensibilisierung der Nutzer (einschließlich der Kinder und Jugendlichen), dürfte daher auch zu den Herausforderungen der digitalen Bildung gehören. Ende

Junger VBE

Genau hinsehen

Bei Sponsoring ist es wichtig, dass Standards etabliert werden. Basis jeder Überlegung muss sein, dass es Aufgabe des Staates ist, die Ausstattung aller Schulen zu sichern. Der VBE hat deshalb gemeinsam mit seinen Partnerverbänden aus Österreich und der Schweiz (GÖD-aps und LCH) im September 2017 die Hamburger Erklärung zu Sponsoring an Schulen verfasst.
Die Ausstattung von Schulen mit digitalen Endgeräten und entsprechender Software darf nicht den großen Firmen überlassen werden. Unterstützung ist gut, aber der Politik darf dadurch nicht die Möglichkeit gegeben werden, sich ihrer Finanzierungspflicht zu entziehen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der in der Verfassung verankerte Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen. Alle Maßnahmen, die gemeinsam mit Dritten initiiert und durchgeführt werden, müssen sich diesem unterordnen, dürfen diesem nicht entgegenlaufen und müssen ihn in geeigneter Form unterstützen. Denn das Risiko ist doch: Ohne Regelungen kommt es zu punktuellen Förderungen. Dies provoziert Verwerfungen zwischen Schulformen, Schulstufen und Schulstandorten in Bezug auf Bildungschancen. Die Politik muss deshalb genau hinsehen. Ende

Kerstin Ruthenschröer
Bundesprecherin
Junger VBE

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Junge Philologen

Klare Regeln

Der Philologen Verband sieht die aktuellen Entwicklungen kritisch. Zwar müssen Schulen sich auf die veränderte gesellschaftliche Situation in der Wissens- und Mediengesellschaft einstellen, dafür bedarf es allerdings gesetzlicher Rahmenbedingungen und Kontrollmechanismen auf verschiedenen Ebenen, die die Einflussnahme der „Digikonzerne“ reglementieren und ganz klar begrenzen. Pädagogische Interessen müssen immer im Vordergrund stehen und nicht wirtschaftliche. Schulen benötigen eine hochwertige und neutrale Ausstattung mit modernen Medien für alle Fächer. Dazu gehört vor allem auch ein Medienpädagogisches Konzept, das nicht nur eine „Bedienkompetenz“, sondern den kritischen Umgang der SchülerInnen mit diesen Medien fördert. Dabei ist nicht nur das Fach Informatik gefragt. Alle Fächer tragen dazu bei, kritisch zu reflektieren, wie Vernetzung und Digitalisierung unsere Welt und die Menschen verändern. Den LehrerInnen muss dazu eine leicht handhabbare, einheitliche digitale Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden. Fortbildungen sollten dazu beitragen, dass digitale Medien eingesetzt werden, aber auch, dass man die Grenzen eines sinnvollen Medieneinsatzes erkennt. Es gilt, verschiedene Lernwege offen zu halten und der Lebenswelt der SchülerInnen gerecht zu werden. SuS müssen verstehen, dass sie nicht nur Konsumenten, sondern Gestalter dieser Welt sind. Digitale Medien besitzen keinen Selbstzweck, ihr Einsatz im Unterricht hat dienende Funktion. Sie lassen sich als Ergänzung des methodischen Repertoires verstehen. Wir dürfen die Bildung unserer Kinder nicht in die Hände der großen Digikonzerne legen. Bildung ist und bleibt ein interpersonales Geschehen. Unsere Aufgabe als Lehrkräfte ist es, die SchülerInnen in die Lage zu versetzen, die Chancen digitaler Medien im Bildungsprozess für sich zu nutzen, aber auch den Risiken digitaler Medien angemessen begegnen zu können. Aufgabe der Politik ist es, den Schulen die dafür notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung zu stellen und es den LehrerInnen zu ermöglichen, Ihrer Arbeit auch im Zeitalter der Digitalisierung nachkommen zu können. Ende

Georg C. Hoffmann
Vorsitzender
Junge Philologen im DPhV

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