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„Beamtenvertretung“ feiert großes Jubiläum

100 Jahre dbb

Eine Sonderseite im Internet, Festakt in Berlin, Partys und eine preisverdächtige Festschrift mit hochrangigen und illustren Autoren aus Politik, Kultur und Wissenschaft – der „Deutsche Beamtenbund“, wie ihn viele noch immer hartnäckig nennen, obwohl er längst nicht mehr nur Beamtinnen und Beamte, sondern auch die Tarifbeschäftigten des öffentlichen Dienstes vertritt, feiert in diesem Jahr ein großes Jubiläum: Der Dachverband mit 40 Mitgliedsgewerkschaften aus dem öffentlichen Dienst und den privatisierten Bereichen, 1,3 Millionen Mitglieder stark, begeht sein 100-jähriges Bestehen. Anlass, einen Blick auf die Geschichte der traditionsreichen Beschäftigtenvertretung zu legen, die sich als moderner Sozialpartner für die Belange der 4,6 Millionen Menschen einsetzt, die im Dienst von Staat und Gesellschaft stehen.

Am Anfang stand das Ende der Monarchie und damit des preußisch-deutschen Beamtenbegriffs vom unbedingten Gehorsam gegenüber Kaiser und König. Im deutschen Kaiserreich hatten sich zwischen 1890 und 1900 bereits rund 45 Beamtenverbände gebildet, deren Zweck weniger die Repräsentanz der Beamteninteressen gegenüber dem Staat, sondern vielmehr Standespflege und Wohlfahrt war. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Monarchie nach Kriegsende wandelte sich auch das Selbstverständnis der Interessenverbände. Seit 1892 bündelten die Beamtenverbände ihre Interessen in der Dachorganisation „Verband Deutscher Beamtenvereine“, VDBV, der Ende 1917 bereits 325 Verbände mit rund 418.000 Mietgliedern zählte. Geführt von hohen Reichsbeamten, verzichtete der Verband bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges auf berufspolitische Einflussnahme - ebenso wie die bis dahin eigenständig gebliebenen Fachverbände aus dem Post- und Telegraphenbereich. Sie waren bis zum Ende des Kaiserreiches starker behördlicher Überwachung ausgesetzt und besaßen ein sehr eingeschränktes Koalitionsrecht, was letztlich zur erneuten Zersplitterung der Beamtenbewegung führte.
Der Erste Weltkrieg hatte -bereits begonnen, als Ernst Remmers im Frühjahr 1915 Bemühungen unternahm, eine „Interessengemeinschaft Deutscher Beamtenverbände“, IG, zu gründen, was am 5. Februar 1916 geschah. Dieter Schütz bemerkt in seiner Dissertation „Zwischen Standesbewusstsein und Gewerkschaftlicher Orientierung – Beamte und ihre Interessenverbände in der Weimarer Republik“ dazu: „Mit der Interessengemeinschaft war die Beamtenbewegung freilich noch weit von einer einheitlichen Spitzenorganisation entfernt. Denn nunmehr existierten zwei verschiedene Entwicklungslinien: Mit dem Verband Deutscher Beamtenvereine eine stark konservativ ausgerichtete Dachorganisation, die sich mehr der wirtschaftlichen Selbsthilfe verschrieben hatte, und mit der IG ein mehr linksliberal orientierter Zusammenschluss, der sich eindeutig als Interessenverband verstand.“
Nicht zuletzt aufgrund der exorbitanten Inflation während des Ersten Weltkrieges und den damit verbundenen Einkommensverlusten rückte die Besoldungspolitik gegen Ende des Krieges stärker in den Fokus der Interessenverbände, zumal Arbeiter und Angestellte im Deutschen Reich oft höhere Einkommen erzielten als die Beamten. Die Gewerkschaftsbewegung wurde zum organisatorischen Vorbild der Beamtenvertretungen. Dennoch blieb die Loyalität der Beamten zu Staat, Kaiser und Reich bis zum Beginn der November¬evolution intakt, ein Streikrecht zum Beispiel schien ¬ihnen trotz der schlechten wirtschaftlichen Situation nicht diskutabel. Noch im Oktober 1918 riefen IG und VDBV gemeinsam zum Durchhalten auf und verdeutlichten die Haltung des Beamtenstandes: „Aber durch Eid und Pflicht auf Lebenszeit mit dem Staatswesen besonders innig verbunden, wird er am wenigsten in dieser Stunde -versagen.“ Kurze Zeit später -begann die Monarchie zu wanken. „Erst die Revolutionsereignisse und die blanke Angst der Beamten vor ihrem Statusverlust gaben den entscheidenden Ausschlag dafür, sich in ¬einer einheitlichen Beamtenspitzenorganisation zusammenzuschließen“, konstatiert Schütz.

    Am Anfang stand das Ende der Monarchie: Noch inmitten der Übergangswirren zwischen Kaiserreich und Republik wurde im Elsnerhaus in Berlin-Kreuzberg am 4. Dezember 1918 der Deutsche Beamtenbunds (DBB) als „Zusammenschluss der deutschen ¬Beamten- und Lehrervereinigungen auf gewerkschaftlicher Grundlage“ gegründet. Erster DBB-Bundesvorsitzender wird Ernst Remmers, ¬Vorkämpfer der Einigungsbewegung der deutschen Beamtenverbände.

Gründung im Umbruch: 4. Dezember 1918

Mitten in den Wirren dieses Umbruchs gelingt am 4. Dezember 1918, unmittelbar nach dem Aufruf des Rates der Volksbeauftragten an das deutsche Volk vom 12. November, der erstmalig auch den Beamten das uneingeschränkte Koalitionsrecht zugesteht, die Gründung des Deutsche Beamtenbunds (DBB) als „Zusammenschluss der deutschen ¬Beamten- und Lehrervereinigungen auf gewerkschaftlicher Grundlage“ in Berlin. Zum Bundesvorsitzenden wird der -Vorkämpfer der Einigungsbewegung der deutschen Beamtenverbände Ernst Remmers (1868-1937) gewählt. Zuvor hatte sich eine neue Reichsregierung unter dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert gegründet, die versöhnliche Töne gegenüber den Beamten anschlug und sie zur Fortsetzung ihrer Tätigkeit aufrief. „Bei der Gründung des DBB war eine bemerkenswerte personelle und organisatorische Kontinuität im Übergang vom Kaiserreich in die Republik gewahrt geblieben. Denn sämtliche großen Mitgliedsverbände des neu gegründeten DBB hatten bereits in der Monarchie existiert“, schreibt Dieter Schütz dazu und bescheinigt der jungen Organisation, dass sie in den ersten Monaten ihrer Gründung im Kampf um die Erhaltung des Deutschen Berufsbeamtentums durchschlagenden Erfolg zu verzeichnen hatte, der in der Festschreibung des Berufsbeamtentums in der Verfassung der Republik gipfelte.
Bereits am 28. Dezember 1919 zeigte der junge DBB auf einer Kundgebung des Kartells Gross-Berlin mit rund 20.000 Teilnehmern Stärke und demonstrierte für einen höheren Teuerungsausgleich. Unter maßgeblicher Beteiligung des DBB begann am 22. März 1919 mit der Gründung einer Verwaltungsakademie in Berlin der Aufbau eines ganz Deutschland erfassenden Netzes von Einrichtungen für die Beamtenfortbildung.
Ein außerordentlicher Vertretertag vom 26. bis 28. Mai 1920 schlichtete eine verbandsinterne Krise, die aus einem parteipolitisch umstrittenen Verhalten der DBB-Leitung nach der Niederschlagung des Kapp-Lüttwitz-Putsches vom 13. bis 17. März entstanden war. Zum Bundesvorsitzenden wählte der Vertretertag Wilhelm Flügel (1878-1934). Der vom 25. bis 27. Oktober 1920 in Berlin stattfindende 2. Deutsche Beamtentag verabschiedete die endgültige Satzung und die Organisationsrichtlinien des DBB, der zu diesem Zeitpunkt in rund 50 Mitgliedsverbänden 1.066.000 zahlende Mitglieder organisierte.

Schon damals: Diskussion über das Streikrecht

Die DBB-Bundesleitung im Jahr 1932. Zu diesem Zeitpunkt zählte der Verband bereits mehr als eine Million Mitglieder. Noch stellte man sich unter dem Bundesvorsitzenden Wilhelm Flügel gegen die Notverordnungspolitik der Reichsregierung und lehnte rechtsradikale Strömungen ab – eine Haltung, die schneller aufgegeben werden sollte, als viele DBB-ler ahnten…

Vom 6.bis 8. April 1922 tagte der dritte Bundestag des DBB in Berlin und setzte sich mit den Ursachen und Folgen des von der Reichsgewerkschaft Deutscher Eisenbahnbeamten und -anwärter am 2. Februar 1922 ausgerufenen Eisenbahnerstreiks auseinander, der aufgrund einer auf Art. 46 der Weimarer Reichsverfassung gestützten, von Reichspräsident Ebert am 1. Februar ausgefertigten Notverordnung mit Strafe bedroht war und nach acht Tagen erfolglos abgebrochen werden musste. Bei einer großen Debatte über das Streikrecht scheiden sich die Anhänger von den Gegnern des Beamtenstreiks.
Ein Teil der Reichsgewerkschaft spaltete sich in der Folge vom DBB ab und gründet am 18. Juni 1922 in Leipzig den freigewerkschaftlichen Allgemeinen Deutschen Beamtenbund (ADB), der anfangs Zuzug auch von anderen Mitgliedsverbänden des DBB erhielt und 1923 über einen Mitgliederbestand von 380.000 verfügte, in den Jahren 1924 bis 1933 aber nie mehr als höchstens 200.000 Mitglieder zählte (Anfang 1928: 166.610). Dagegen waren im DBB in diesem Zeitraum bereits mehr als eine Million Mitglieder organisiert.
Auf dem am 27. und 28. Oktober 1932 abgehaltenen 8. und zugleich letzten Bundestag des alten DBB wandte sich der Bundesvorsitzende Wilhelm Flügel gegen die Notverordnungspolitik der Reichsregierung. Er stellte unter Missfallensbekundungen der Delegierten fest, dass seit 1922 zum ersten Mal die Reichsregierung unter Reichskanzler Franz von Papen nicht auf dem Bundestag des DBB vertreten gewesen sei. Der DBB Bundestag lehnte von rechtsradikalen Gruppen ausgehende Anträge, der Bundesleitung des DBB das Vertrauen zu entziehen, mit überwältigender Mehrheit ab und bekundete mit der Wiederwahl Flügels (bei 329 abgegebenen Stimmen mit 272 gegen 57 Stimmen), dass er rechtsradikalen Strömungen nicht nachgeben wollte – eine Haltung, die schneller aufgegeben werden sollte, als die Delegierten zum Zeitpunkt ihres Beschlusses ahnen konnten …

 
     
Zum Zeitpunkt der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten war der DBB heillos zerrissen – Wirtschaftskrise, politische Verwerfungen in der zugrunde gehenden Weimarer Republik und interne Querelen machten ihm zu schaffen. So fehlte dem Verband die Kraft, sich der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zu widersetzen. Zeitungsberichte aus dieser Zeit belegen, dass man voll auf die Linie der neuen Regierung einschwenkte.

 

Geschichte zum Klicken

Anlässlich des Jubliläums hat der dbb eine viel beachtete Sonderseite im Internet veröffentlicht, die die Geschichte des gewerkschaftlichen Dachverbands virtuell greifbar macht. Zahlreiche Bilddokumente und kurzweilige, aber nicht minder historisch fundierte Texte führen anschaulich durch die Jahrzehnte:
https://100.dbb.de/

Ein unrühmliches Kapitel: 1933 - 1945

1932 war der Beamtenbund heillos zerrissen: Die Wirtschaftskrise und politische Verwerfungen in der zugrunde gehenden Weimarer Republik machten ihm zu schaffen. Zudem gab es innere Querelen, da der DBB durch Nationalsozialisten unterwandert wurde. Dem alten DBB fehlte die politische Kraft, sich der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zu widersetzen. Er ging, nachdem der bisherige Bundesvorsitzende Wilhelm Flügel 1933 sein Amt niedergelegt hatte (ihm war zum Vorwurf gemacht worden, er habe „die Beziehungen zu den Parteien der nationalen Konzentration ungenügend gepflegt“), vorauseilend gehorsam in die Unterwerfung. In der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte ging auch der Beamtenbund in die Knie. Bis dahin hatte sich der DBB von den Ereignissen rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers „völlig treiben“ lassen, wie Historiker Dieter Schütz beschreibt. Die größte Beamtenspitzenorganisation sei nicht mehr in der Lage gewesen, aktiv in das Geschehen einzugreifen.
Zunächst noch auf eine gewisse Distanz zu den neuen Machthabern bedacht, druckte das DBB-Verbandsorgan die Regierungserklärung Hitlers vom 1. Februar 1933 ab und zeigte sich verwundert, dass „von Berufsbeamtentum und Beamtenschaft mit keinem Worte in der Regierungserklärung die Rede ist“. Zwei Wochen später konstatierte die DBB-Zeitschrift, dass die „personalpolitischen Maßnahmen“ der Nationalsozialisten eine „Welle der Beunruhigung auch innerhalb der Beamtenschaft“ hervorgerufen hätten, betont
aber ausdrücklich, „daß wir jeder Regierung das Recht zugestehen, nach ihrem Amtsantritt in der Besetzung der politischen Beamtenposten Veränderungen vorzunehmen“, wenn der „Charakter des öffentlich-rechtlichen Berufsbeamtentums“ nicht durchbrochen werde. Der angeblich von einem holländischen Kommunisten verursachte Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 läutete nach Schütz allerdings auch beim DBB den Schwenk auf die Linie der neuen Regierung ein. Die Organisation bekannte sich in „Der Beamtenbund“ vom 3. März 1933 zu den „Maßnahmen der Reichsregierung und der Landesregierungen, die der Ahndung dieses Verbrechens und der Verhinderung ähnlicher Vorgänge dienen“.
Am 15. März 1933 bekundete Wilhelm Flügel in einem Schreiben an Vizekanzler von Papen, dass der DBB „seine Mitarbeit für den nationalen, staatlichen und wirtschaftlichen Wiederaufbau in Reich, Ländern und Gemeinden bereitwilligst zur Verfügung stellt“. Am Vortag hatte sich der DBB zur Teilhabe am „Wiederaufstieg der Nation“ bekannt. Für den deutschen Berufsbeamten könne es nichts Anderes geben, als „daß er sich willig und mit voller Hingabe zur Verfügung stellt und die Regierung durch treue Pflichterfüllung unterstützt“. Spätestens jetzt habe sich der DBB noch vor der Gleichschaltung der Beamtenorganisationen durch die NSDAP selbst in den Dienst der nationalsozialistischen Sache gestellt, fasst Schütz zusammen.

Nach der Kapitulation Deutschlands gab es 1945 kaum etwas, auf dem hätte aufgebaut werden können. So wurde die Wiedergründung des DBB in den Nachkriegsjahren zu einem beschwerlichen Weg durch die Instanzen der Besatzungsmächte. Doch schließlich nahm man den Faden zur Berufspolitik wieder auf, wurde zum Spitzenverband (das Foto zeigt den damaligen DBB-Bundesvorsitzenden Alfred Krause mit Bundeskanzler Konrad Adenauer) und gründete 1957 als eigene Nachwuchsorganisation, die DBB-Jugend.

Was folgte, waren personelle Veränderungen in der DBB-Spitze. Der stellvertretende DBB-Vorsitzende Franz Kugler war im März wegen angeblicher strafrechtlicher Verfehlungen verhaftet worden. Auf ihn folgte der Vorsitzende des Deutschen Postverbandes, Johannes Schneider. Der Bundesdirektor des Reichsbundes der Kommunalbeamten, Ehrmann, blieb als Stellvertreter im Amt. Am 23. März hielt Wilhelm Flügel, den die Nationalsozialisten strikt ablehnten, dem internen und externen Druck nicht mehr Stand und legte sein Amt nieder. Mit ihm schieden weitere Funktionäre aus. Das bisherige parlamentarisch-demokratische Organisationsprinzip der Gewerkschaft, bei dem die wichtigsten Entscheidungen dem Bundestag des DBB vorbehalten waren, wurde beseitigt, die gewerkschaftliche Interessenvertretung verboten. An die Spitze des Organisationsgerüsts des DBB tritt am 8. April 1933 der Leiter des Hauptamtes für Beamte in der Reichsleitung der NSDAP, Jacob Sprenger. Sprenger vereinigte alle Befugnisse der Führung innerhalb des DBB in seiner Hand. An die Stelle der Interessenvertretung trat als Verbandszweck die „Mitarbeit am Neubau des Reiches“.
Nach den Richtlinien für die Neuordnung, Neuwahlen und Gleichschaltung der dem DBB angeschlossenen Verbände vom 27. April wird der DBB – einst Verband von Verbänden – umgebildet in einen auf Einzelmitgliedschaft beruhenden Einheitsverband; die früheren Mitgliedsverbände werden Fachgruppen ohne Finanzhoheit. Am 15. Oktober ordnet Hitler die Benennung der Organisation in „Reichsbund der Deutschen Beamten (RDB)“ an.
In dem Aufsatz „Zwischen Zerschlagung und Anpassung: DBB und Nationalsozialismus 1933“ in der Ende 2018 erscheinenden Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des dbb fasst der Historiker Stefan Fisch die Rolle des dbb zur Zeit der Machtergreifung und der Gleichschaltung nach umfassender Analyse folgendermaßen zusammen: „Die Jahre um 1933 waren eine Zeit der Massenarbeitslosigkeit, des absinkenden Lebensstandards, des schwindenden Vertrauens in die demokratischen Parteien, der Destabilisierung des politischen Systems durch erratische Entscheidungen des Reichspräsidenten und des Aufstiegs der extremistischen Parteien auf der Rechten wie der Linken. Der DBB musste sich während dieser Jahre um 1933 gegen Radauaktionen und undurchschaubare Erpressungstaktiken wehren; er musste die innere Unterwanderung von Teilen seiner Mitgliedschaft aushalten; er musste das Auseinanderdriften der Vorstellungen seiner Mitgliedsbünde in Kompromissen aufzufangen versuchen. Politisch musste sich der DBB positionieren in einem Umfeld, in dem die ursprünglichen liberalen und demokratisch-republikanischen Ideale aus dem Kaiserreich vertrocknet waren und in dem stattdessen irreale und wahnhafte Hoffnungen auf eine radikal andere und natürlich bessere Welt gepflegt wurden; und er musste nicht zuletzt als Interessenorganisation seinen Mitgliedern überzeugende Antworten geben, die durch die fortwährenden Gehaltskürzungen immer mehr in ihren Lebensaussichten beschränkt wurden. Das war wirklich nicht leicht.“

Besatzungszeit: Mit „kleinen Leuten“ zu neuer Kraft

Mit der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 war der Weg frei, den Beamtenbund neu zu gründen. Allerdings hatte das Regime der Nationalsozialisten eine personelle und strukturelle Brache in der Gewerkschaftslandschaft zurückgelassen. Anders als bei der Gründung des dbb im Jahr 1918 gab es 1945 kaum etwas, auf dem hätte aufgebaut werden können. Die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen erschwerte die Neugründung ebenfalls. Von 1945 bis 1948 brachte sich der dbb dennoch trotz vieler politischer Widerstände zurück auf die politische Bühne. Die ersten Bemühungen einiger Mitglieder des ehemaligen Reichsbundes der Kommunalbeamten und -angestellten zu einer Neugründung scheiterten an diversen Erlassen der sowjetischen Siegermacht, die ein von der Partei gesteuertes Verwaltungsmodell favorisierte. Im November 1945 erklärten die Sowjets alle Beamten zu Angestellten und schafften das Deutsche Beamtengesetz von 1937 ab, womit auch die Grundlage für eine eigenständige Beamtenvertretung entfiel. In der amerikanischen und französischen Besatzungszone blieb das Deutsche Beamtengesetz, von nationalsozialistischem Gedankengut bereinigt, in Kraft. Bei der Entnazifizierung hatten die Siegermächte die Beamten aber besonders kritisch im Blick, was die Gründung von neuen Beamtenorganisationen verzögerte. Dennoch gelangen in den westlichen Besatzungszonen nach und nach Neugründungen: In Nürnberg formierte sich 1949 der Bayerische Beamtenbund, in München der Bayerische Beamtenbund e. V. und die überparteiliche Arbeitsgemeinschaft bayerischer Beamtenverbände, die sich später zum Teil vereinigten.
In der britischen Zone wurde die Bildung gewerkschaftlicher Organisationen offener befürwortet. Das ermöglichte es ehemaligen DBB-Mitgliedern parallel zu den Bemühungen des späteren DGB-Gründers Hans Böckler, der eine Einheitsgewerkschaft favorisierte, ab Oktober 1945 Gespräche über die Gründung einer „Deutschen Beamtengewerkschaft“ zu führen, was am Ende aber durch die britische Verwaltung untersagt wurde. 1947 starteten Beamte in Hamburg neue Bemühungen, eine Gewerkschaft ins Leben zu rufen, die Anfang Oktober in der Gründung der „Deutschen Beamtengewerkschaft“ als Dachorganisation mündeten. Unter ähnlichen Voraussetzungen wie in Hamburg wurde der „Deutsche Beamtenbund – Landesverband Schleswig-Holstein“ gegründet, nachdem sich zuvor bereits einzelne Fachverbände, wie zum Beispiel der Bund Deutscher Zollbeamten am 19. Februar 1948 gegründet hatten. Ihm folgten 1949 der Bund Deutscher Steuerbeamter und der Bund der Kommunalbeamten. Bereits im August 1948 hatten sich die Landesverbände Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen konstituiert.
Die Vertreter der bereits gegründeten Landesbünde Hamburg und Schleswig-Holstein sowie die ihre Gründung vorbereitenden Verbände Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen trafen sich am 23. und 24. April 1948 zum ersten Mal in Minden. Ein zweites Treffen fand am 21. Juni in Hamburg statt, wo ein Zusammenschluss zu einem zunächst auf die britische Zone beschränkten Verband „Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund“ in Aussicht genommen wurde. Am 15. und 16. September 1948 schließlich kamen die Vertreter der vier Landesverbände wieder in Minden zu einer „Tagung der Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund e. V. (in Vorbereitung)“ zusammen.
Anhand der historischen Daten lässt sich kaum ermessen, mit welchen Geburtswehen die Neugründungen des dbb nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einhergegangen waren. In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen des dbb von 1968 setzte Hans Wernery (1912 bis 1993), ehemals Leitender Ministerialrat im Ministerium für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen und von 1961 bis 1979 stellvertretender Bundesvorsitzender des DBB, Hans Schäfer und Werner Jüsgen, die 1948 den DBB-Landesverband Nordrhein-Westfalen neu gegründet hatten, ein kleines Denkmal:
„Die [den gewerkschaftlichen Zusammenschluss der Deutschen Berufsbeamten nach 1945] leitenden Männer, an erster Stelle die beiden Ehrenmitglieder des heutigen DBB, Hans Schäfer und Werner Jüsgen, die 1948 [...] noch an der Spitze einer auf die britische Besatzungszone beschränkten Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund standen, verfochten die Ziele der organisierten Beamtenschaft aus einer Position heraus, die zwar in der Sache, aber nicht den Umständen nach derjenigen von Ernst Remmers (Bundesvorsitzender des DBB von 1918 bis 1919, Anm. d. Red.) glich. Im Vergleich zu ihm hatten Schäfer und Jüsgen viel größere Hindernisse zu überwinden.“ Sie seien nicht wie er „mit dabei“ gewesen, sie hätten nicht wie er mit in der Konstituante, also der verfassungsgebenden Versammlung, die sich 1918 Nationalversammlung und 1948 Parlamentarischer Rat nannte, gesessen. In der Tradition des „alten DBB“ stehend und ab 1948 um die verfassungsrechtliche Sicherung des Berufsbeamtentums kämpfend, seien sie im Vergleich zu Remmers „kleine Leute“ gewesen: „Sie hatten im Zeitpunkt ihres ersten Angriffs keine 50.000 Mitglieder, praktisch also nichts, hinter sich (Remmers eine Million); sie setzten sich für eine Sache ein, die damals, nach dem Niedergang im Dritten Reich, ‚abgewirtschaftet‘ zu haben schien; sie stellten sich vor eine Gruppe von Staatsbürgern, die in ihrer Mehrheit verfemt war als ,Handlanger des Naziregimes‘; sie traten unerschrocken in offenen Gegensatz zu dem mächtigen Deutschen Gewerkschaftsbund – auch sie wagten und gewannen.“

    Der DBB etablierte sich in der Bonner Republik, baute sich in der Hauptstadt am Rhein eine erste Bundesgeschäftsstelle und hielt engen Kontakt mit der Regierung – hier ist der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard auf einer DBB-Veranstaltung zu sehen.

Bonner Republik: Selbstfindung nach dem Krieg

Während die Nachkriegsjahre geprägt waren durch diese Selbstfindung von nach dem Krieg wiedergegründeten, jungen Gewerkschaften für den öffentlichen Dienst, kristallisierten sich in der ebenfalls jungen „Bonner Republik“ langsam, aber sicher politische Forderungen für die Zukunft des öffentlichen Sektors in Deutschland heraus, die zum Teil heute noch oder wieder Aktualität besitzen. Der Beamtenbund strukturierte sich in dieser Zeit mehrmals neu und wurde zu der starken Interessenvertretung „von heute“.

Auch in der Berliner Republik ist der dbb beamtenbund und tarifunion, wie er heute heißt, angekommen – mitten in Mitte mit seiner Bundesgeschäftsstelle in der Friedrichstraße. Als starke Interessenvertretung aller Beschäftigten des öffentlichen Dienstes mit mittlerweile 1,3 Millionen Mitgliedern hat er auch weiterhin den Draht zur Spitze: Hier zu sehen der amtierende dbb Chef Ulrich Silberbach mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und die dbb jugend Vorsitzende Karoline Herrmann mit Bundesinnenminister Horst Seehofer.

In Kiel konstituiert sich am 17. März unter ähnlichen Voraussetzungen wie in Hamburg der „Deutsche Beamtenbund – Landesverband Schleswig-Holstein“, nachdem sich zuvor bereits einzelne Fachverbände, wie zum Beispiel der Bund Deutscher Zollbeamten (19. Februar 1948) und ihm folgend der Bund Deutscher Steuerbeamten (1949), der Bund der Kommunalbeamten (1949) und andere, die sich, an ihre Vorgängerorganisationen von 1933 anknüpfend, wiederbegründet hatten. Die Vertreter der bereits gegründeten (Hamburg, Schleswig-Holstein) oder ihre Gründung vorbereitenden (Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen) Landesverbände treffen sich am 23. und 24. April 1948 zum ersten Mal in Minden. Ein zweites Treffen findet am 21. Juni in Hamburg statt, wo ein Zusammenschluss zu einem zunächst auf die britische Zone beschränkten Verband „Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund“ in Aussicht genommen wird. Am 5. und 6. August 1948 konstituiert sich in der Stadthalle Hannover die Gewerkschaft „Deutscher Beamtenbund – Landesbund Niedersachsen“. Die Gründungskundgebung des „Deutschen Beamtenbundes – Landesbund Nordrhein-Westfalen“ findet am 14. August statt. Am 15. und 16. September schließlich kommen die Vertreter der vier Landesverbände wieder in Minden zu einer „Tagung der Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund e.V. (in Vorbereitung)“ zusammen. 62 Delegierte versammeln sich vom 28. bis 30. Januar 1949 in Köln zum 1. Bundestag der Gewerkschaft Deutscher Beamtenbund und beschließen am 29. Januar einstimmig den endgültigen Zusammenschluss der vier Landesverbände. Nach der am selben Tag einstimmig angenommenen Satzung werden zum Bundesvorsitzenden Hans Schäfer, zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden Dr. Werner Jüsgen und zum Geschäftsführer Joseph Ertz gewählt. Am 10. März genehmigt die Militärregierung die neu gegründete Zonenorganisation des Deutschen Beamtenbundes. Auf einer am 20. und 21. Juni 1949 stattfindenden Bundesvorstandssitzung in Königswinter wird der geschäftsführende Vorstand beauftragt, sofort die notwendigen Verhandlungen aufzunehmen,
um den DBB auf die Tri-Zone und Berlin auszudehnen. Am 28. und 29. November beschließt der Bundesvorstand die Bildung eines Vereinigungsausschusses, der am 13. und 14. Februar 1950 zur Beratung der eingereichten Satzungsentwürfe in Bonn zusammenkommt. Mit Mehrheit wird der Name „Deutscher Beamtenbund (Gewerkschaft der Berufsbeamten)“ beschlossen.
Ebenfalls in Bonn versammeln sich am 21. und 22. März 1950 Beamtenvertreter aus allen Bundesländern und aus Berlin zum Vereinigungsdelegiertentag, der am 22. März einstimmig die Satzung des Deutschen Beamtenbundes annimmt. Nach ihr besteht der geschäftsführende Bundesvorstand (die gewählten Amtsinhaber in Klammern) aus dem Bundesvorsitzenden (Hans Schäfer), dem 1. stellvertretenden (Dr. Werner Jüsgen) und 2. stellvertretenden (Josef Donsberger) Bundesvorsitzenden, dem Schatzmeister (Dr. Siegfried Sadtler) und einem weiteren Mitglied (Egon Vehrling) sowie aus Stellvertretern für die drei zuletzt genannten Ämter.

1950: Eine Viertelmillion Mitglieder

Als der DBB am 2. und 3. Mai 1950 zu seinem Delegiertentag in Bonn zusammentritt, hat seine Mitgliederzahl die Viertelmillionen-Grenze überschritten. Bundeskanzler Konrad Adenauer richtet Worte des Dankes und der Anerkennung an die deutsche Beamtenschaft. Der Delegiertentag nimmt folgende Entschließung an: „Verbessertes, nicht verwässertes Beamtenrecht! Die rechte Besoldung und Versorgung! Reform des Gesetzes zu Art. 131 GG! Fort mit den politischen Fragebogen! Hessisches Beamtenrecht gegen Grundgesetz!“ Am 1. Juni übersiedelt die Bundesleitung mit ihrer Bundesgeschäftsstelle von Köln in das neu erbaute DBB-Haus in Bad Godesberg, das mit einem Festakt, an dem neben Bundespräsident Heinrich Lübke, Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und Bundesinnenminister Ernst Benda viele weitere Politprominente teilnehmen.
Auch der Gewerkschaftsnachwuchs organisierte sich: Nur eine kleine Versammlung von gerade einmal 25 stimmberechtigten Delegierten fand sich am 2. und 3. November 1956 zum ersten Bundesjugendtag der Deutschen Beamtenbund-Jugend (heute: dbb jugend) mitten in Deutschland in Hannoversch Münden ein. Heute zählt der Bundesjugendtag der dbb jugend rund 200 Mitglieder. Der Geschäftsbericht des Deutschen Beamtenbundes zum Bundesvertretertag 1957 dokumentierte den historischen Augenblick vor 50 Jahren und beschrieb detailliert die Aufgaben der Deutschen Beamtenbund-Jugend: „Erziehung des Beamtennachwuchses zu verantwortungsbewussten, freiheitsliebenden Staatsbürgern, die als Berufsbeamte sich ihrer besonderen Verpflichtung gegenüber Volk und Staat bewusst sind; geistige, kulturelle, körperliche und sittliche Betreuung; Besserung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse ...“ Mit einem vollen Programm ging der dbb Nachwuchs also an den Start, und so entwickelte sich der DBB, der sich zwischenzeitlich den Zusatz „Bund der Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes“ zugelegt hatte und mittlerweile als dbb beamtenbund und tarifunion firmiert, über die Jahre und Jahrzehnte zur konstanten Stimme des öffentlichen Dienstes in der Bundesrepublik, protestierte und protestiert gegen Fehlentwicklungen, wehrte sich gegen Kürzungen und Eingriffe in das Statusrecht der Berufsbeamtinnen und Berufsbeamten und steht den mittlerweile 4,6 Millionen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes als moderne Interessenvertretung zur Seite. In 100. Jahr seines Bestehens zählt der Dachverband rund 1,3 Millionen Mitglieder, darunter 921.224 Beamtinnen und Beamte, die dbb jugend ist mit ihren rund 150.000 Mitgliedern einer der größten gewerkschaftlichen Jugendverbände in Deutschland. Ende

Jan Brenner

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Auf den folgenden Seiten zitiert t@cker einen Bericht aus dem dbb magazin Oktober 1991, in dem der damalige DBB Bundesvorsitzende Werner Hagedorn die auch für den gewerkschaftlichen Dachverband spannende Phase der Deutschen Wiedervereinigung Revue passieren lässt.

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